Magdeburg l Gregor Gysi ist ein wahrer Wandervogel. Unermüdlich tingelt er als Polit-Entertainer durch die Talk-Arenen der Republik. Daneben wandert er auch gern, mit Stock und Hut wie der Linken-Veteran bei der „Sportstunde“ in der Magdeburger MDCC-Arena bekennt. Hier tauscht er sich am Dienstagabend mit Jörg Biastoch, Chef des Pflegefirma „Humanas“ und FCM-Aufsichtsratsmitglied über die jeweiligen sportlichen Vorlieben und gesellschaftliches Miteinander im Allgemeinen aus.

Wir erfahren, dass Gysi mal Judoka war, aber den Laufsport seit Kindheitstagen regelrecht hasst. Biastoch, der mal Sportschütze war, ist hingegen aus Diät-Gründen auf die intensive Rennerei gekommen und hat es bis zum New York- Marathon geschafft.

Mehr finanzielle Rückendeckung

Unabhängig von den eigenen Ambitionen sind sich die beiden einig, dass meist ehrenamtlichen Helfern mehr finanzielle Rückendeckung durch den Staat gebührt. Für Gysi sind Sport, Bildung und Kultur Grundbestandteile eines Lebens, dass für jeden gleiche Chancen bieten sollte.

Der frühere Linken-Fraktionschef im Bundestag schildert dazu sein Erweckungserlebnis: 1988 habe er erstmals in den Westen, nach Paris, zu einem Vortrag reisen dürfen. Bei dieser Gelegenheit wollte er sich die „Mona Lisa“ im Louvre nicht entgehen lassen: „Als ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln hingefahren bin und den Eintritt bezahlt hatte, war ich pleite.“ Das wäre ihm in der DDR nicht passiert, wo Kunsterlebnisse für jeden erschwinglich gewesen seien. „Es gab eine Roman-Zeitschrift, die monatlich für nur 80 Pfennig zu haben war. Wir hatten gewiss Zensur, aber eben Zugang zur Kultur für alle.“ Er kämpfe dafür, dass dies auch zu ermöglichen, „gerade für Kinder“.

Biastoch stimmt zu: „Auf Chancengleichheit kommt es im Endeffekt an, hier versagt der Staat.“ Er appelliert an die Politik, einen „Mechanismus für die bessere Ausstattung der Kommunen und Vereine zu schaffen“.

Gysi kritisiert dazu, dass die Kanzlerin 2015 Geld für die Flüchtlinge an die Länder und nicht an die Städte und Gemeinden gegeben habe. „Die Länder sind klebrig“, stellt der Linken-Politiker süffisant fest.

DDR-Nostalgie von Gysi

Noch eine Portion verschmitzter DDR-Nostalgie gibt es, ohne die ein Talk mit dem Linken-Vormann erfahrungsgemäß nie abgeht.

Objekt ist diesmal das flache Land, dem Hauptstädter Gysi gemeinhin nicht besonders eng verbinden scheint. Er hat also bei einem Dorfbesuch von der Einwohnerschaft zu hören bekommen, dass diese vor allem drei Dinge vermissen würden: den Konsum, die Kneipe und die LPG-Vollversammlung. Den Laden deshalb, weil er die Nachrichtenzentrale für die Frauen war, die Kneipe, weil sie den Sammelpunkt für die Männer darstellte und das LPG-Meeting, weil nach den Referaten nach Kräften gefeiert und getanzt wurde.

Ähnliche Treffs in zeitgemäßer Form fände Gysi wichtig. Und da wird’s politisch: Dörfer und Landwirtschaft würden gebraucht, „um nicht bei Lebensmitteln auf andere Länder angewiesen zu sein.“

Mit seiner neuen Landliebe schließt sich für den agilen 71-Jährigen biografisch ein Kreis: Der Mann, der als Anwalt und Politiker zu Ansehen kam, ist schließlich gelernter Rinderzüchter.