Kiew l Einer nach dem anderen ging auf die Bühne und begann, sich mit Oleg Senzow zu solidarisieren. So standen beim wichtigsten Filmfestival Russlands, dem Kinotawr, schließlich mehrere Filmemacher und Kritiker vor einem prall gefüllten, in glamouröses Licht getauchten Saal und wollten nicht schweigen. Diese Prominenten wollten ihn, den ukrainischen Kollegen Oleg Senzow in russischer Lagerhaft, und seinen Kampf nicht ignorieren.

Senzow sitzt als angeblicher Terrorist in einer Strafkolonie oberhalb des Polarkreises, wo er vor nunmehr 38 Tagen in einen Hungerstreik getreten ist. Das Schlaglicht auf Russland und die Fußballweltmeisterschaft rückt auch ihn mit seinem Anliegen in den Fokus der Öffentlichkeit: Senzow, der seit vier Jahren einsitzt, will die Freilassung aller ukrainischen Gefangenen aus russischer Haft erzwingen. Indem er hungert.

Oleg Senzow ist eigentlich auf der Krim zuhause, kommt aus Simferopol. Der Filmemacher stand noch 2012 am Beginn seiner Laufbahn, als er in jenem Jahr mit seinem Spielfilm-Debüt „Gamer“ (deutsch: „Der Spieler“) die Filmkritiker begeisterte. Viel weiter ist er auf diesem Weg nicht gekommen: Die große Politik grätschte dazwischen. Als die Proteste gegen den damaligen ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch 2013 immer weiter anschwollen, ging Senzow nach Kiew und reihte sich dort in Autokolonnen ein, die mit ihren Protestfahrten gegen die Regierung anfuhren und damit die Demonstranten auf dem Maidan flankierten.

Aktiv gegen Krim-Besetzung

Zurück auf der Krim, als Russland im Begriff war, die ukrainische Halbinsel völkerrechtswidrig ins eigene Land zu überführen, begehrte Senzow dagegen auf. So soll er ukrainischen Soldaten geholfen haben, aus ihren Kasernen herauszukommen, als diese blockiert wurden – während russische Truppen auf der Krim die Kontrolle übernahmen. Dann, im Mai 2014, stand der russische Inlandsgeheimdienst FSB vor seiner Tür, nahm ihn mit nach Moskau und brachte ihn in Untersuchungshaft. Für angeblichen Terrorismus verhängte ein Gericht schließlich 20 Jahre Lagerhaft. Senzow sei der Kopf einer Terrorvereinigung gewesen, die Teile des Büros der Pro-Putin-Partei „Einiges Russland“ in Brand gesetzt sowie einen Anschlag auf ein Lenin-Denkmal geplant hätte.

Das Menschenrechtszentrum „Memorial“ wertet Oleg Senzow als politischen Gefangenen, sieht die Grundlage für das Urteil nach Prüfung der Prozessunterlagen als „unzulässig“ an. Das ganze Verfahren gilt als fabriziert.

Zahlreiche Kulturschaffende fordern, Oleg Senzow freizulassen. Der Hungerstreik ließ ihre Appelle immer dringlicher werden. Eine so große öffentliche Bühne, wie sie die Unterstützer auf dem Filmfest Kinotawr hatten, gibt es im Inland sonst kaum. Ein Bittbrief um Begnadigung wurde am Dienstag an die Adresse von Präsident Wladimir Putin geschickt, unterschrieben von zwölf namhaften russischen Regisseuren, Journalisten und Schauspielern. Auch gewichtige Stimmen aus Film- und Autorenwelt in Europa und den USA werden laut: Der US-Schriftstellerverband PEN und die „European Film Academy“, ebenso wie die Literaturnobelpreisträgerinnen Herta Müller und Swetlana Alexijewitsch setzten sich für Senzow ein. Doch Kreml-Sprecher Dmitri Peskow ließ in dieser Woche knapp verlautbaren, um eine Begnadigung für sich müsse Senzow selbst bitten.

Irreparable Schäden?

Vor einer Woche wurde der 41-Jährige laut Medienberichten in den Kliniktrakt des Haftlagers verlegt, hängt in regelmäßigen Abständen an einem Tropf. Seine Cousine befürchtet unter Berufung auf die Ärzte bereits, dass sein Körper irreparable Schäden erleiden könnte. Für den Kreml ist die Situation ein Dilemma, fordert Senzow doch vor allem die Freilassung von 64 anderen ukrainischen Gefangenen in russischen Lagern, nicht einmal für sich selbst. Ob Senzow Gegenstand von Gesprächen zwischen dem ukrainischen Staatschef Petro Poroschenko und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ist und ein möglicher Gefangenenaustausch verhandelt wird, blieb bisher im Vagen. Putin hatte es zuletzt abgelehnt, doch theoretisch wäre es möglich, denn auch in ukrainischer Haft befinden sich russische Staatsbürger. Oleg Senzow zeigte sich in einem Brief aus der Haft heraus entschlossen: „Jedem hier ist klar, dass ich nicht das Feld räumen werde.“