Merkel würdigt auf Jahrestagung die Leopoldina

Aus Sicht von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist die Weltgemeinschaft für die Vermeidung von Pandemien und Epidemien noch nicht gewappnet. Es brauche für solche Herausforderungen im Grunde ein globales Sicherheitssystem, sagte Merkel am Freitag bei der Jahrestagung der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Halle.

Die Kanzlerin zog als Beispiel die gemeinsame Sicherung gegen militärische Angriffe heran, wie sie etwa der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen biete. Wie notwendig eine globale Antwort im Gesundheitsbereich sei, habe Ebola gezeigt.

Die Kanzlerin würdigte die Anregungen der Leopoldina zu medizinischen Fragen. „Sie knüpfen an der Versorgungsrealität und den Belangen der Patienten an“, sagte Merkel. Auf der Jahrestagung der Leopoldina beschäftigen sich rund 400 Teilnehmer noch bis Samstag mit Fragen zu „Symmetrie und Asymmetrie in Wissenschaft und Kunst“. (dpa)

Volksstimme: Die Bundesregierung holt gern Rat bei der Leopoldina, zum Beispiel vor dem G-7-Gipfel in Elmau. Bei welchen Themen haben Sie der Kanzlerin zugearbeitet?

Jörg Hacker: Intensiv bearbeitet haben wir drei Themen: zum einen die Antibiotikaresistenzen, also die Tatsache, dass in Krankenhäusern immer mehr resistente Keime auftreten und Infektionen kaum mehr beherrschbar sind. Zum zweiten ging es um vernachlässigte Erkrankungen in tropischen Ländern. Der Ebola-Ausbruch hat deutlich gemacht, dass man in betroffenen Ländern mehr in das Gesundheitssystem investieren muss. Drittens haben wir Maßnahmen vorgeschlagen, um den Co2-Ausstoß zu reduzieren. Das ist dringend nötig, damit sich die Ozeane regenerieren können.

US-Präsident Obama hat vor kurzem in Alaska vor dem Klimawandel gewarnt. Kam die Anregung aus Halle?

Bei der Reise des Präsidenten nach Alaska zeigt sich, dass dieses Thema in der Politik angekommen ist. Wir brauchen da unbedingt ein Umsteuern. Wenn Elmau hier eine Rolle gespielt hat, was ich annehmen würde, wäre das ein wichtiges Ergebnis. Jetzt im Oktober kommen die Fachminister der G-7-Länder zusammen, um konkrete Schritte zu vereinbaren.

Beim Gipfel in Elmau war die Bundeskanzlerin Ausrichterin. Bekommen Sie von ihr eine Rückmeldung, welches Ihrer Argumente im Kreis der Staats- und Regierungschefs überzeugt hat?

Ja, der Austausch beginnt schon im Vorfeld eines Gipfels. Wir hatten engen Kontakt mit dem Kanzleramt. Einmal hatte ich auch die Gelegenheit, mit den sieben Gipfel-Bevollmächtigten, den sogenannten Sherpas, zu sprechen.

Obamas Vorgänger George Bush fand das Weltklima weniger wichtig. Gibt es bei dem Thema auch jetzt noch Bremser im Kreis der G7?

Bei meinem Gespräch mit den Sherpas habe ich niemanden identifizieren können, denen die ganze Richtung nicht passt. Im Gegenteil, es gab sehr großen Konsens.

Nun sind Abschlusserklärungen das eine, praktische Politik das andere. Was wird aus den guten Absichten?

Wenn die Themen einmal akzeptiert sind, gehen wir davon aus, dass daraus auch praktische Politik entsteht. In Deutschland jedenfalls sind unsere Stellungnahmen häufig in Gesetzestexte eingeflossen.

Müssen Sie als Präsident der Leopoldina darauf achten, dass sich Ihre Wissenschaftler auch wirklich auf Wissenschaft beschränken und nicht versuchen, parteipolitisch zu agieren?

Wir sind als Akademie unabhängig von Parteiprogrammen und wirtschaftlichen Interessen. Darin unterscheiden wir uns von Interessenverbänden. Ich habe das Gefühl, dass wir in der Politik, aber auch in einer breiten Öffentlichkeit als ehrliche Vermittler wahrgenommen werden. Wir generieren Fakten, entscheiden muss die Politik.

2008 wurde aus der Leopoldina, einem eingetragenen Verein in Halle, die Nationale Akademie der Wissenschaften. Was hat sich geändert?

Die Politikberatung ist zu einer zentralen Aufgabe geworden. Zweitens vertreten wir Deutschland in internationalen Gremien, zum Beispiel im Bereich der UN. Da hat vorher die deutsche Stimme oft gefehlt.

Profitiert Sachsen-Anhalt davon, dass eine so angesehene Institution bei ihr Zuhause ist?

Wir haben mehrfach den gesamten Landtag bei uns zu Gast gehabt und über wichtige Themen diskutiert, über Demographie und über Energie. Auf diesem Weg wollen wir unsere Expertise dem Land Sachsen-Anhalt zur Verfügung stellen.