Magdeburg l Für Roland Jahn war die Wende ’89 der Kulminationspunkt seines Lebens. Zu dieser Zeit lebte der ausgebürgerte DDR-Dissident „in West-Berlin als Ostler und Westler zu gleich.“ Für ihn galt: „Die Freiheit des Westens ist nur die halbe Freiheit, solange die Mauer noch steht.“

Dann war sie weg. 30 Jahre später diskutiert Jahn als Leiter der Stasiunterlagen-Behörde nun in Magdeburg zum Thema: „Neue Gräben zwischen Ost und West“. Weil es ausgerechnet rund um den 30. Jahrestag eine Debatte darum gibt, wie es sie in dieser Schärfe seit langem nicht gegeben hat. „Die deutsche Einheit“, meint Jahn dazu, „ist ein Prozess, der keinen Abschluss findet, auch mit einer Rolle rückwärts.“

Doch wehrt er sich gegen die noch immer propagierten Ost-West-Gräben und macht das an einem Beispiel fest. „Die Universität Leipzig hat in einer Studie festgestellt, dass Ostdeutsche bei Führungskräften unterrepräsentiert sind.“ Als Kriterien seien angelegt worden: geboren in der DDR, dort bis zu deren Ende gelebt und mindestens 15 Jahre alt gewesen.

Respekt gegenüber Einzelnen

Also, folgert der geborene Thüringer Jahn, falle Angela Merkel raus, sie wurde in Hamburg geboren, ebenso Franziska Giffey, die 1989 noch keine 15 Jahre alt war und er selbst wäre nach dieser Definition auch kein Ostdeutscher. „Auf diesem Niveau werden die Diskussionen über Ostdeutschland geführt“, ärgert er sich. Und fordert mehr gegenseitigen Respekt vor jeder einzelnen Biografie. Den Respekt wird er noch mehrfach bemühen.

Zum Beispiel, als er hervorhebt, dass die vielen Menschen in der DDR stolz auf ihre Arbeit sein können, auch wenn sie durch die Planwirtschaft vereinnahmt wurden. Jahn betont den „Respekt vor der Biografie in der DDR“.

Jahn streichelt sein Publikum, das ihm dies durch verschiedentlichen Beifall lohnt. Im Saal sind rund 100 Gäste, vorwiegend Einheimische, die zusammen mehrere hundert Jahre DDR-Leben verkörpern.

Frau Ritter, 57, geboren in Havelberg, ist dankbar für die erreichte Freiheit durch die Wende. Dadurch habe sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen können. Sie stört das „Grabengerede“ über Ost- und Westdeutsche. „Mecklenburger und Bayern waren immer schon unterschiedlich“, meint sie und sagt gleichzeitig über die Zeit in der DDR: „Diese Erfahrung möchte ich nicht missen.“

Persönliche Erfahrung ausschließen

Ein älterer Herr empört sich darüber, dass im „Westfernsehen“ jüngere Leute etwas über die DDR erzählten, obwohl sie gar nicht dort gelebt hätten. Jahn fühlt sich bemüßigt darauf hinzuweisen, dass es sich heute nicht um Westfernsehen, sondern deutsches Fernsehen handele und kompetente Berichterstattung auch ohne persönliche Erfahrung möglich sei.

Wenn er allerdings gegen Arroganz westdeutscher Chefs gegenüber ostdeutschen Untergebenen auf das Grundgesetz zur Gegenwehr verweist, zeigt das, wie weit der Behördenleiter von der Realität der Arbeitswelt entfernt ist.

Eine Kontroverse entspinnt sich um die AfD, die heute mit Losungen wie „Vollende die Wende“ oder „Wir sind das Volk“ auftritt. Roland Jahn hat dazu eine klare Meinung: „Das ist alles erlaubt.“ Die Demokratie gewähre Meinungsfreiheit und müsse das aushalten, auch wenn es unbequem sei. Jeder könne sich selbst eine Meinung bilden.

Das will mancher im Saal so nicht stehen lassen, es gibt Widerspruch. Auch von Klaus Breymann, aus Westdeutschland stammend und nach der Wiedervereinigung Staatsanwalt in Magdeburg. Er findet die AfD und ihre Slogans unerträglich und behält sich vor, den Kontakt zu Trägern der Parteimeinung abzubrechen.

Jahn glaubt, dass sich die Konflikte in Deutschland durch mehr gegenseitige Akzeptanz verringern lassen: „Respekt ist das, was ich mir in der Gesellschaft wünsche.“ Diesen zu entwickeln, nennt er zwei Grundsätze: Behandele andere wie dich selbst und suche dir Verbündete.

Mehr Beiträge zu "30 Jahre Mauerfall" gibt es in unserem Dossier.