Magdeburg l Drei Jahrzehnte deutsche Einheit, zwei deutsche Staaten sind zusammengewachsen, Unterschiede sind geringer geworden. Wie beurteilen Unternehmer in Ost und West heute die wirtschaftliche Entwicklung, wie die Perspektiven? Die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stifung hat danach gefragt. Die Ergebnisse der Umfrage lagen der Volksstimme vorab vor.

In Ost und West stecke gleichermaßen Potenzial für eine wachsende Wirtschaft – das sagen 38 Prozent der bundesweit befragten Unternehmen. Im Osten geht immerhin mehr als jeder Zweite davon aus, dass die „neuen Bundesländer“ bei der Entwicklung die Nase vorn haben werden. Das halten laut Umfrage auch knapp zwei Drittel der West-Unternehmer für möglich. Beim Potenzial für Innovationen sieht es ähnlich aus. In Ost und West gebe es keine Unterschiede, sagt die Mehrheit - knapp 43 Prozent der deutschlandweit befragten Unternehmer. Im Osten ist man optimistisch. Mehr als 37 Prozent sehen das größere Innovationspotenzial in Ostdeutschland. Das sieht rund jeder fünfte Westdeutsche auch so. Auf die Stärke des eigenen Standorts vertraut indes mit 31 Prozent der größere Teil der westdeutschen Unternehmer. Für Professor Karl-Heinz Paqué, Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung und Professor an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, zeugen die Ergebnisse von einem „wachsenden Selbstvertrauen“ bei den ostdeutschen Unternehmern. Produktivität, Löhne, Innovationskraft – in den vergangenen Jahren hätten die Unterschiede abgenommen, sagt der Ökonom. Bei den Firmenlenkern im Osten habe sich eine realistische Perspektive durchgesetzt. In der Umfrage zeige sich jedoch auch, dass Unternehmer im Osten mitunter ein „subjektives“ Gefühl der Benachteiligung noch nicht abgelegt hätten. Die Lehren aus den Nachwendejahren mit Treuhand und grundlegendem Umbau der Wirtschaft hätten Spuren hinterlassen, die sich nur langsam verwischen, so Paqué. 66 Prozent der ostdeutschen Gründer und Unternehmer sagen, der Osten werde tendenziell gegenüber anderen Wirtschaftsstandorten in Deutschland benachteiligt. Im Westen vertreten rund 19 Prozent diese Meinung.

Mehr als 52 Prozent der in Ostdeutschland befragten Unternehmer zeigt sich mit der wirtschaftlichen Situation im Osten weniger oder gar nicht zufrieden, rund 26 Prozent der West-Unternehmer teilt die Einschätzung, 41 Prozent sind mit der Situation im Osten zufrieden.

Dass die Wirtschaft in Ost und West grundlegend anders funktioniert - diese Auffassung vertreten rund 77 Prozent der Ost-Unternehmer, 48 Prozent sind es im Westen. Was das Entwicklungspotenzial von Firmen in Ost und West anbelangt, sind die ostdeutschen Firmen skeptisch. Mehr als 70 Prozent glauben nicht daran, dass sie in fünf Jahren zu den West-Unternehmen aufschließen können. Auch im Westen gehen nur etwas mehr als 45 Prozent davon aus.

Karl-Heinz Paqué glaubt daran, dass der wachsende Wirtschaftsstandort Ostdeutschland zunehmend in den Köpfen der Unternehmer ankommen werde. Insbesondere bei den Jüngeren spiele die vermeintliche Ungleichheit der Chancen kaum mehr eine Rolle. Der Osten habe nach Paqués Überzeugung das Potenzial, eine gute Rolle in der Industrie und in den Dienstleistungen des 21. Jahrhunderts zu spielen – etwa bei Digitalisierung, Umwelttechnik und modernsten Ingenieurleistungen.

In vielen Bereichen erschlössen sich neue Möglichkeiten für Firmengründungen. Diese Unternehmen könnten im Osten die DAX-Konzerne der Zukunft werden. Berlin und die mitteldeutschen Großstädte von Magdeburg bis Dresden böten dafür ideale Bedingungen – mit starken Universitäten und guter Infrastruktur.