Leipzig (dpa) l  Das kann uns auch stärken, sagt eine Psychologin – zum Beispiel für die Corona-Krise. Geschäfte öffnen wieder, Schulen allmählich auch. Doch für Risikopersonen ist der Lockdown in der Corona-Pandemie noch lange nicht vorbei. Vor allem Ältere müssen sich auf eine lange Zeit weitestgehender Isolation einstellen.

Prof. Anja Mehnert-Theuerkauf leitet die Abteilung für Medizinische Psychologie und Soziologie am Universitätsklinikum Leipzig. Auf viele Senioren kommen harte Zeiten zu, erklärt sie. Oft bringen viele Ältere aber auch genau die Widerstandsfähigkeit mit, die es dafür braucht. Ein Gespräch über Routine, Teufelskreise und das Gefahrenpotenzial des Jogginganzugs.

Frau Mehnert-Theuerkauf, Sie sagen, dass Ältere auf die psychischen Folgen der Corona-Krise vielleicht besser vorbereitet sind als Jüngere. Warum ist das so?

Prof. Anja Mehnert-Theuerkauf: Wer in einem höheren Alter ist, hat vermutlich schon eine gewisse Zahl an Lebenskrisen gemeistert. Das muss kein Krieg sein – da geht es um ganz persönliche Krisen wie eine Scheidung, eine schwere Erkrankung, Verluste oder Scheitern. Wer so etwas hinter sich hat, besitzt oft ein gewisses Repertoire an inneren Ressourcen und Bewältigungsmöglichkeiten. Körperlich sind Ältere in der Corona-Krise daher anfälliger, seelisch aber vielleicht sogar robuster.

Hat das nicht auch eine negative Seite – kann das in Leichtsinn umschlagen?

Ja, in diesem Fall schon. Grundsätzlich ist es gut, wenn man sich und seine Bedürfnisse kennt. Und es ist auch nicht schlecht, wenn man eine gewisse Selbstwirksamkeits-Wahrnehmung hat, dieses „Mir wird schon nichts passieren“. Aber in Kombination mit einer unsichtbaren Bedrohung wie dem Coronavirus kann das vielleicht zu einem gefährlichen Trugschluss führen.

Gleichzeitig sind die Folgen der Corona-Krise ja für Ältere besonders schlimm, weil sie vermutlich noch lange isoliert bleiben. Was bedeutet das?

Erst einmal macht es uns darauf aufmerksam, wie viele ältere Menschen in unserer Gesellschaft ohnehin einsam und isoliert sind. Drastischer formuliert macht die Isolation in der Pandemie für viele ältere Menschen kaum einen Unterschied, weil das ohnehin ihr Alltag ist, die Familie vielleicht weit entfernt wohnt oder sie keine mehr haben. Allein die Länge der Quarantäne ist eine Tortur, gerade für Menschen, die im Heim oder kleinen Wohnungen leben und selten die Möglichkeit haben, mal nach draußen zu gehen.

Muss die Gesellschaft da reagieren, oder können die Betroffenen selbst etwas tun?

Beides. Natürlich ist das auch eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft. Man wird ältere Menschen nicht einfach monatelang einsperren können – gleichzeitig müssen wir alle Verantwortung tragen, dass sie besonders geschützt werden. Die Älteren selbst sind aber auch gefragt. Sie müssen sich schützen, indem sie zum Beispiel Abstand halten. Aber sie müssen auch dafür sorgen, dass sie nach draußen kommen, in Bewegung bleiben und generell nach vorne schauen.

Wie sieht das konkret aus?

Etwas tun ist stets besser als nichts tun. Das bedeutet etwa, Routinen beizubehalten, morgens aufzustehen und zu duschen – auch wenn eigentlich nichts ist. Man sollte sich jeden Tag gezielt etwas Schönes vornehmen. Und sei es eine interessante Fernsehsendung, ein Telefonat mit Bekannten oder ein gutes Essen.

Und was sollte man nicht tun?

Den ganzen Tag nur im Jogginganzug auf der Couch herumhängen. Denn Verhalten, Gefühle und Gedanken hängen eng zusammen. Wenn ich nur herumliege und grüble, fühle ich mich irgendwann wie ein Versager. Dann bleibt erst recht alles liegen. Das ist ein Teufelskreis. Das kann bis zu depressiven Verstimmungen führen.

Wichtig ist positives Denken?

Nein, darum geht es nicht. Es geht darum, etwas zu tun, Struktur zu schaffen. Und darum, den Teufelskreis zu durchbrechen, wenn man doch mal hineingerät. Das beginnt stets mit Aktivität, auch wenn man sich nicht danach fühlt. Auch wenn man einen schlechten Tag hatte, unzufrieden ist – es ist wichtig, sich wieder zu motivieren und zu sagen: Morgen ist ein neuer Tag, dann fange ich von vorne an.

Und wenn das nicht gelingt?

Wenn ich merke, dass ich den Alltag nicht mehr bewältigen kann, dass ich mir nicht mehr selber helfen kann, dann brauche ich Hilfe. Das können Freunde und Verwandte sein, Notfalltelefone und ähnliche Angebote, psychologische Betreuung, wobei das aktuell nicht einfach zu finden ist. Grundsätzlich ist es wichtig, dass man sich nicht scheut, Hilfe anzunehmen. Sich einzugestehen, dass man diese braucht – auch das ist auch ein Zeichen von Kompetenz.