Bad Saarow (dpa) l Mediziner Olaf Schedler schickt seine Patienten zwangsläufig auf den berüchtigten Drehsessel. Wer Platz nimmt, bekommt eine Brille, die Sicht und Orientierung nimmt. Dann geht es los. Über einen Monitor und Kameras in der Brille verfolgt der Facharzt die Augenbewegungen des Patienten. "Werden die ruckartig, ist das ein Zeichen für Schwindel", erklärt er diesen Gleichgewichtstest, der zur Überprüfung der Berufsfähigkeit von Piloten gehört.

"Die Fliegerei ist ja eine besonders sicherheitsbedürftige Branche. Ob jemand dafür tauglich ist, muss deshalb regelmäßig überprüft werden", sagt Schedler, der im Helios-Klinikum Bad Saarow Chefarzt der zentralen Notaufnahme und Rettungsmedizin ist. Seit einem Jahr praktiziert der 51-Jährige nach jahrelanger Zusatzausbildung zudem als Flugmediziner. Die Idee dazu kam ihm während seiner Notarzt-Einsätze per Hubschrauber. Die DRF-Luftrettung unterhält in Bad Saarow eine von deutschlandweit 31 Rettungsstationen. Der Pilot bringt das medizinische Personal auf schnellstem Wege zu Notfall-Patienten, für die jede Minute zählt. DRF steht für Deutsche Rettungsflugwacht.

Berufspiloten wie die professioneller Fluggesellschaften müssen Schedler zufolge einmal im Jahr zum Tauglichkeits-TÜV, egal ob sie eine Cessna mit nur wenigen Sitzplätzen oder einen riesigen Airbus steuern. Wer die Fliegerei in seiner Freizeit betreibt, als sogenannter Sportflieger, müsse sich alle fünf Jahre überprüfen lassen, erläutert der Flugmediziner. Das gleiche gelte für Flugbegleiter wie Stewardessen. Die medizinische Palette reicht von der ärztlichen Standard-Untersuchung, über Tests des Seh- und Hörvermögens sowie des Gleichgewichts bis hin zu Herz-Kreislauf-Übungen und Blutanalysen. Die Ergebnisse der Untersuchungen und Tests sendet Schedler an das Luftfahrtbundesamt. "Die Behörde entscheidet letztlich, ob jemand weiter fliegen darf oder eben nicht", erklärt der gebürtige Magdeburger.

Wenn das Sehvermögen nachlasse und der betreffende Pilot eine Brille brauche, sei das zwar eine Einschränkung, die im Tauglichkeitszeugnis vermerkt werde, aber längst kein Kriterium, das gleich zur Aufgabe des Berufes führen müsse. Viele Sportflieger finden den Aufwand allerdings übertrieben. "Wenn bei Autofahrern mal die gleichen Maßstäbe angesetzt würden, wäre der Straßenverkehr deutlich sicherer", sagt Volker Lehmann, Segelflieger mit Lehrberechtigung beim Flugsportverein Eisenhüttenstadt. Da er über 50 Jahre alt und Fluglehrer sei, müsse er seine Flugtauglichkeit jedes Jahr beweisen.

"Das ist ein Riesenaufwand, von den Kosten mal ganz abgesehen", sagt der Meteorologe, der im Observatorium Lindenberg (Oder-Spree) arbeitet. Viele, die wie er ehrenamtlich als Fluglehrer engagiert seien, würden sich das nicht mehr antun wollen.

Reisekrankheit Kinetose

Neben Piloten und Flugpersonal kommen auch einfache Reisende, die als Passagiere beim Fliegen krank werden, in die Flugmedizinische Ambulanz Bad Saarow. "Meist handelt es sich dabei um die Reisekrankheit Kinetose, bei der die Innenohr-Kristalle durcheinander geraten und damit das Gleichgewicht beeinflussen. Symptome sind Drehschwindel, Orientierungs- oder auch Sehstörungen", erläutert Schedler.

Kinetose werde mit Tabletten behandelt. Schwieriger sei die Therapie allerdings bei Flugangst. "Betroffenen erzähle ich dann immer, dass das Fahrradfahren statistisch gesehen weitaus tödlicher ist als das Fliegen." Auch Reisende mit Handicap wie Herzschrittmachern oder Behinderungen sowie chronisch Kranke kommen zur Beratung zu ihm. Oftmals gehe es um ganz praktische Fragen, bei denen er hilft. Etwa wann ein regelmäßig zu einer bestimmten Zeit einzunehmendes Medikament zur Anwendung kommt, wenn der Passagier mehrere Zeitzonen durchquert. "Das ist dann einfache Mathematik", sagt der Flugmediziner.

Noch ist die Ambulanz in Bad Saarow quasi ein Ein-Mann-Betrieb. Nach den Bestrebungen Schedlers soll sich das jedoch noch in diesem Jahr ändern. Er will die Flugmedizin zu einem Ärzte-Ausbildungszentrum machen.

"Wir würden ihn da sicher unterstützen, mit wissenschaftlicher und praktischer Expertise, Kontakten oder auch Fachreferenten", sagt Professor Jochen Hinkelbein, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrtmedizin (DGLRM). Der Bad Saarower Flugmediziner zählt zu den etwa 450 Mitgliedern der Gesellschaft.

Schedler strebt zudem die Einrichtung einer Praxis direkt am neuen Flughafen BER in Schönefeld an – als Ableger des Helios-Klinikums, mit kurzen Wegen für Berufspiloten. "Wir wollen eine Klinik für Luftfahrt sein – mit Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten von Piloten, die mit gesundheitlichen Einschränkungen zu uns kommen", sagt der Chefarzt, der einen Bedarf dafür sieht. Denn schon jetzt würden "namhafte Flugunternehmen ihre Kompetenzen in Berlin bündeln".