Wolfsburg (dpa) l Der Weg zur Aufklärung des Abgas-Skandals führt über eine Unmenge an Daten. Mehrere Terabyte haben interne und externe Ermittler im VW-Konzern bereits durchforstet, heißt es aus Aufsichtsratskreisen. In einen Terabyte passt gut 75-mal die letzte erschienene Ausgabe des Brockhaus in 30 Bänden als Digitalfassung.

Bei VW stöbern sie aber nicht in einem Lexikon, sondern durchsuchen E-Mails, Briefe, Akten, Handy-Daten nach bestimmten Suchbegriffen. Berater von Deloitte kümmern sich um die technische Aufbereitung der Daten, die US-Kanzlei Jones Day wertet sie aus und führt Interviews mit Mitarbeitern – einige dieser Gespräche könnte man ohne Übertreibung auch Verhöre nennen, hört man aus dem Konzern.

Absatzprobleme auf US-Markt

Am Mittwoch soll erneut der Aufsichtsrat über den Stand der Ermittlungen informiert werden, am Tag darauf wollen Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch und Konzernchef Matthias Müller erstmals den versammelten Medien Rede und Antwort stehen. Dass sie aber auch erschöpfend Auskunft geben können, ist unwahrscheinlich.

Bislang beharren die, die im Konzern Verantwortung tragen, auf einer Version der Geschichte: Eine kleine Gruppe habe die Manipulations-Software für bis zu 11 Millionen Autos des Konzerns ausgeheckt, eine Art Abgas-Kartell sozusagen. Es handele sich um "Fehler einiger weniger". So hatte es schon der inzwischen zurückgetretene VW-Chef Martin Winterkorn im September formuliert; dabei bleibt der Konzern seitdem.

Nach bisherigen Erkenntnissen begann alles in den Jahren 2005 und 2006. VW hatte damals massive Absatzprobleme in den USA. VW wollte die Hybridtechnik des Erzrivalen Toyota mit einem "Clean Diesel" ausstechen. Sauber sollte er sein, aber nicht zu teuer. Eine knifflige Aufgabe für die VW-Techniker. Am Ende – so der derzeitige Kenntnisstand – lösten sie das Problem mit einer Manipulations-Software, die erkennt, wenn ein Auto auf dem Prüfstand steht und dann auf einen "sauberen" Modus umschaltet.

Damals führte Bernd Pieschetsrieder den Konzern, Wolfgang Bernhard stand an der Spitze der Marke VW, in deren Haus der manipulierte Motor vom Typ EA 189 entwickelt wurde. Beide bestreiten jede Kenntnis der Manipulationen und könnten das auch eidesstattlich versichern, wie sie über ihren Anwalt mitteilen ließen.

Zehn Volkswagen-Mitarbeiter beurlaubt

Bei den Ermittlungen geht es um die große Frage: Wer wusste wann wovon? "Wenn jemand was gewusst hat, muss er raus", heißt es aus Aufsichtsratskreisen. Für viele VW-Ingenieure sicher eine Schreckensvorstellung. Im Konzern gibt es dafür ein geflügeltes Wort: "Edeka – Ende der Karriere".

Bisher hat der VW-Konzern zehn Mitarbeiter beurlaubt. Audi-Technikchef Ulrich Hackenberg hat den Konzern inzwischen verlassen, Winterkorn trat kurz nach Bekanntwerden der Manipulationen als Konzernchef zurück, beteuerte aber wie Hackenberg, nichts von den Machenschaften gewusst zu haben.

Berichte an US-Justizministerium

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittle gegen sechs Beschuldigte bei den Manipulationen an EA 189 Motoren, sagt Oberstaatsanwalt Klaus Ziehe. Im Zentrum der Ermittlungen stehen Betrugsvorwürfe und Wettbewerbsverstöße. Daneben stehen noch fünf Beschuldigte wegen Falschangaben bei CO2-Werten im Fokus. "Wir haben einen gesetzlichen Ermittlungsauftrag, der aber sicher nicht überall deckungsgleich ist, mit dem Aufklärungsinteresse des VW-Konzerns", sagt Oberstaatsanwalt Ziehe: "Wir prüfen Straftatbestände."

Die von VW beauftragte Kanzlei Jones Day berichtet nach dpa-Informationen wiederum nicht nur an VW, sondern unter anderem auch an das US-Justizministerium. Das erwarte die US-Justiz, heißt es. Eine schwierige Gemengelage, nicht nur für Ermittler, sondern auch für den Konzern.