Magdeburg l Niedrige Zinsen, steigende Preise: Dass deutsche Sparer derzeit leiden, weiß auch der Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbandes, Michael Ermrich.

Volksstimme: Herr Ermrich, Sie bezeichnen die Sparkasse als „Hausbank der Ostdeutschen“. Dabei bieten die Sparkassen mittlerweile ebenso niedrige Zinsen wie die Privatbanken. Warum sollte man sein Geld noch zur Sparkasse bringen?

Michael Ermrich: (lacht) Weil es bei uns sicher und gut aufgehoben ist. Die Niedrigzinsphase ist ja kein Problem, das die Sparkassen alleine haben. Wir beobachten nach wie vor, dass Kunden uns ihr Geld anvertrauen und auch gerne ohne Zinsen auf dem Girokonto lassen.

Die Sparkassen geben angesichts der niedrigen Zinsen immer mehr Kosten an die Kunden weiter. Setzen Sie Ihre gute Beziehung aufs Spiel?

Das denke ich nicht. Dienstleistungen, die wir anbieten, haben ihren Preis. Die meisten Kunden wissen das und akzeptieren dann auch eine Kontoführungsgebühr. Die Zeit, in der Sparkassen diese Dinge über andere Einnahmen finanzieren konnten, sind leider vorbei.

Angesichts der niedrigen Zinsen versuchen die Sparkassen, Atlasten abzustoßen. Einige Institute in Sachsen-Anhalt haben hochverzinste Sparverträge gekündigt. Die versprochenen Renditen sind für die Geldinstitute inzwischen ein Verlustgeschäft. Können Sie den Unmut der betroffenen Kunden verstehen?

Jeder Vertrag hat eine bestimmte Laufzeit und läuft irgendwann aus. Bisher war das nie ein Thema, weil der Kunde stets einen attraktiven Anschlussvertrag bekam. Auch heute noch suchen die Sparkassen gemeinsam mit dem Kunden nach Lösungen. Manchmal geht das nicht ohne Reibereien vonstatten. Aber die Gerichte haben uns recht gegeben, wobei es wenig gerichtliche Auseinandersetzungen gab. Aber Verträge sind gegenüber den Kunden stets erfüllt worden.

Wie bewertet der Ostdeutsche Sparkassenverband das Geschäftsjahr 2016?

Unter dem Strich steht ein gutes Geschäftsjahr, weil wir trotz schwieriger Bedingungen immer noch ein gutes Ergebnis erwirtschaftet haben. Doch die Freude wird durch den sinkenden Zinsüberschuss, also die Differenz von Zinsertrag und Zinsaufwendungen, getrübt. Das werden wir in den nächsten Jahren noch stärker sehen.

Wie reagieren die Sparkassen darauf?

Wir werden weiter unsere Hausaufgaben machen müssen: Die Verwaltungsausgaben senken und das Kreditgeschäft weiter ausbauen. Alle ostdeutschen Sparkassen setzen auf die Digitalisierung und investieren in moderne Rechentechnik und Programme. Die Institute versuchen so, Kosten zu sparen und der Großwetterlage am Kapitalmarkt entgegenzusteuern. Das ist uns auch ganz gut gelungen im vergangenen Jahr. Aber gerade im Osten besteht für das Kreditgeschäft noch viel Luft nach oben. Das ist bei Weitem noch nicht da, wo wir es bräuchten, um die sinkenden Zinsüberschüsse aufzufangen.

Die Inflation zieht an, die Preise steigen. Doch Zinsen sind noch immer niedrig. Das Geld auf dem Konto verliert an Wert. Drohen Sparern bei den Sparkassen in diesem Jahr weitere Hiobsbotschaften wie etwa Negativzinsen?

Nein, der einfache Sparer wird bei unseren Instituten keine Negativzinsen befürchten müssen. Die Inflation und die gleichzeitige Niedrigzinsphase stellen unsere Kunden natürlich vor Probleme. Die Sparkassen erklären sich mit den Sparern solidarisch: Wir kämpfen gewissermaßen gemeinsam gegen die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Aber unter dem Strich müssen Sparer derzeit einen Wertverlust hinnehmen, wenn sie ihr Geld auf dem normalen Sparkonto lassen.

Die Sparkassen haben über Jahrzehnte allerdings gut verdient. Auch 2016 ist bei den ostdeutschen Instituten das Betriebsergebnis noch einmal um zehn Millionen Euro gestiegen. Ist es an der Zeit, dass die Sparkassen ihren Kunden etwas davon zurückgeben?

Nein, denn perspektivisch werden unsere Erträge zurückgehen. Wir müssen also unser Geld zusammenhalten. Die EZB treibt die Eigenkapitalquote, die wir vorweisen müssen, zudem ständig nach oben. Das bedeutet, dass wir das Geld auch brauchen, um die gesetzlichen Forderungen zur erfüllen. Die Sparkassen werden ihrer gesellschaftlichen Aufgabe durch das Sponsoringengagement und durch Spenden gerecht.

Regulierungen durch den Gesetzgeber haben den Sparkassen im vergangenen Jahr das Leben schwer gemacht. Im Bundesfinanzministerium liegt nun ein Entwurf der überarbeiteten Wohnimmobilienkreditrichtlinie vor. Sind Sie damit zufrieden?

Da besteht noch Änderungsbedarf. Einerseits geht es um Anschlussfinanzierungen, bei denen derzeit noch zu hohe Hürden bestehen, was die Kreditwürdigkeit angeht. Andererseits geht es um Vorschriften für den Fall, dass es zu einer Immobilienblase kommt. Die zusätzlichen Korsettstangen brauchen wir nicht, weil sie uns nur einengen.

Aus unserer Sicht hätte es diese Richtlinie überhaupt nicht gebraucht. Die Sparkasse hat schon immer verantwortungsbewusst Kredite vergeben. Die neuen Regeln haben unser Kreditgeschäft gehemmt. Wir haben deswegen viele Chancen verpasst.

Die Europäische Union will den Sparkassen künftig die Zusammensetzung ihrer Verwaltungsräte vorschlagen. Mitglieder seien oft zu wenig fachlich geeignet, kritisiert Brüssel. Sie lehnen etwaige Veränderungen ab. Warum?

Die Sparkassen-Verwaltungsräte haben bislang auch ohne strenge Regeln aus Brüssel gute Arbeit geleistet.

Verwaltungsräte sollen künftig ihre bankfachliche Eignung nachweisen. Was spricht dagegen?

Es wird doch schon heute darauf geachtet, dass sich die Verwaltungsräte der Sparkassen weiterbilden. Verwaltungsräte können zudem nur Menschen werden, die auch sachkundig sind. Wie etwa ein Handwerksmeister, der auch in seinem Betrieb Bücher und Geschäftskonten führt. Von der EU wird verkannt, dass die Sparkasse ohnehin nur Geschäfte macht, die sie auch versteht. Wir spekulieren nicht mit windigen Wertpapieren. Wir sind anders als andere Banken, doch das ist in Europa schwer zu vermitteln.

Ein Beispiel, warum auch bankfachliche Eignung nicht vor Schäden bewahrt: Lehman Brothers (Die US-amerikanische Investmentbank löste 2008 die weltweite Finanzkrise aus, d. Red.) hatte die besten Leute im Aufsichtsrat – trotzdem ist die Bank an die Wand gefahren.

Welche Erwartungen knüpfen die ostdeutschen Sparkassen an 2017?

Wir erwarten ein schlechteres Ergebnis als im vorigen Jahr, aber nach wie vor ein gutes. 2017 wird ein Jahr, indem wir uns weiter an das veränderte Kundenverhalten anpassen werden. Dafür suchen wir mit den Kommunen und den Menschen vor Ort Lösungen.

Welche Ideen haben Sie?

Es gibt Alternativen, wie wir trotz notwendiger Geschäftsstellen-Schließungen weiter in der Fläche präsent sind. Geld könnte zum Beispiel beim Bäcker oder beim Fleischer abgeholt werden. In Sachsen-Anhalt gibt es schon den Sparkassen-Bus, in Sachsen beteiligen wir uns an Versorgungszentren. Das sind doch Alternativen. Für profunde Beratungen wird der Kunden unserer Erfahrung nach auch den etwas weiteren Weg in die Filiale in Kauf nehmen.