Newry (dpa) l Conor Patterson beobachtet mit ernstem Blick, wie das Wasser den alten Kanal von Newry hinabfließt. Der Wasserweg aus dem 18. Jahrhundert, der direkt vor seinem Büro entlangführt, war einst die Lebensader der nordirischen 30.000-Einwohner-Stadt nahe der Grenze zu Irland. Dann kam der Niedergang.

In der Zeit der Unruhen zwischen Katholiken und Protestanten stieg die Arbeitslosigkeit zeitweise auf 30 Prozent. Grenzkontrollen und massive Militärpräsenz hatten die Stadt vom Knotenpunkt zur Sackgasse werden lassen. „Dieser Ort war abgeschrieben von den Briten. Sie haben hier viel Geld ausgegeben, aber es war nicht produktiv“, sagt Patterson bitter. Genau das, fürchtet der promovierte Ökonom, könne sich nun mit dem Brexit wiederholen.

Bei den Verhandlungen über den EU-Austritt in Brüssel bestehen zwar alle Seiten darauf, dass es keine neuen Grenzkontrollen in Nordirland geben wird – doch wie das gehen soll, ist unklar. Das britische Nordirland hat zwar im Brexit-Referendum mehrheitlich für den Verbleib in der EU gestimmt. Aber mit nur 1,8 Millionen Einwohnern wurde es von den Landesteilen England und Wales überstimmt. Die Republik Irland im Süden ist und bleibt EU-Mitglied. Tritt Großbritannien wie angekündigt aus der Zollunion und dem Binnenmarkt aus, scheinen Grenzkontrollen unausweichlich.

Die Mitgliedschaft beider Teile Irlands in Binnenmarkt und Zollunion hatte geholfen, den blutigen Nordirlandkonflikt in den 90er Jahren zu beenden. Die Insel verschmolz zu einer ökonomischen Einheit. Der BBC zufolge gibt es mehr als doppelt so viele Grenzübergänge zwischen Nordirland und der Republik Irland wie an der gesamten östlichen EU-Außengrenze. Rund 30 Prozent des nordirischen Handels werden mit der Republik abgewickelt. Es sind vor allem kleine und mittlere Unternehmen, die daran beteiligt sind. Patterson sagt, diese kleinen Firmen hätten nicht die Kapazität, sich über Zölle Gedanken zu machen

Unternehmen in Newry

Der 54-Jährige, der sich seit 20 Jahren in verschiedenen Wirtschaftsverbänden für Unternehmen in Newry einsetzt, hat die enorme Verwandlung seiner Heimatstadt vom Kriegsgebiet zur boomenden Grenzstadt Schritt für Schritt begleitet. Die einspurige Straße wurde durch eine Autobahn ersetzt, neue Zugverbindungen eingerichtet und der Frachthafen an der Mündung des Flusses Newry ausgebaut. Finanziert wurden diese und viele andere Projekte teilweise durch Fonds der EU – inzwischen herrscht in Newry Vollbeschäftigung.

Doch einer Analyse der britischen Regierung zufolge könnte Nordirland im schlimmsten Fall 12 Prozent Wachstum an Bruttowertschöpfung in den kommenden 15 Jahren entgehen, sollte es zu einem Brexit ohne Abkommen kommen. Patterson hält das für eine grobe Fehlkalkulation. Er fürchtet, dass es weit schlimmer kommen könnte, wenn viele Firmen in den Süden abwandern. Dafür gibt es schon Anzeichen: Der Pharmahersteller Almac hat angekündigt, einen Teil seiner Produktion ins irische Dundalk zu verlegen. Noch warten die meisten Unternehmen ab.

Die Beteuerungen der britischen Regierung, es werde keine Kontrollen geben, kauft ihr in Newry kaum jemand ab. Viel zu groß ist die Gefahr, dass Schmuggler versuchen würden, aus unterschiedlichen Regelungen und Steuersätzen Profit zu schlagen. Und wie solle sichergestellt werden, dass Irland kein Einfallstor für Produkte werde, die nicht dem EU-Standard entsprechen? Wie will man verhindern, dass EU-Bürger nicht unbemerkt nach Großbritannien einreisen? Darum ging es schließlich vielen Brexit-Wählern in England und Wales. Die Menschen in Newry wollen um keinen Preis zurückfallen in die Zeit, als die Grenze dicht war.