Jean Daniel Sülberg leitet in Cochstedt das Na­tio­na­le Er­pro­bungs­zen­trum für un­be­mann­te Luft­fahrt­sys­te­me (UAS) des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Im Interview mit Massimo Rogacki erläutert er, welche Auswirkungen Corona auf die Projekte des DLR und die Wiederaufnahme des Luftfahrtbetriebs hat.

Volksstimme: Herr Sülberg, bis zum 1. Mai 2021 sollte die Instandsetzung und Anpassung des Flughafens für den Forschungsbetrieb erfolgen. Können Sie diese Vorgabe trotz Corona einhalten?

Jean Daniel Sülberg: Wir halten nach wie vor Kurs auf die Wiederinbetriebnahme des Luftfahrtbetriebs am 1. Mai 2021. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind aber auch bei uns ganz klar spürbar.

Wo liegen die Probleme?

Da müssen wir den Bereich Wissenschaft und Flughafenbetrieb unterscheiden. Problematisch war es überall dort, wo wir an Lieferanten hängen, etwa bei der Bestellung von Hardware. Vieles muss speziell auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten werden. Beispiel: Das neue Funksystem für den Tower hätte schon in diesem Jahr kommen sollen. Es gab einige Verzögerungen.

Der Flughafen soll ja zum Schmelztiegel werden für die 18 DLR-Institute, die in ganz Deutschland zum Thema Unbemannte Flugsystem forschen. Wie lief die Zusammenarbeit in bisher?

Die Institute mussten sich zu Beginn der Corona-Krise zunächst mal neu sortieren, bevor wir starten konnten. Dann aber war der Versuchbetrieb nicht so signifikant eingeschränkt, wie wir das im Vorfeld befürchtet hatten. Tests konnten wir dank guter Hygienekonzepte durchführen. Immer in enger Absprache mit einem DLR-internen Krisenstab und der Landesluftfahrtbehörde.

Nennen Sie bitte ein Beispiel.

Ab Juni gab es Erprobungsflüge im Rahmen des Projekts ALAADy, welches federführend im Institut für Flugsystemtechnik in Braunschweig läuft und bei dem es um automatischen und unbemannten Lufttransport geht. Dabei wird besonderes Augenmerk auf die sicherheits- und systemtechnischen Aspekte zur Realisierung eines solchen Systems gelegt. Zudem ist das Projekt aufgrund der Größe und Komplexität ein Vorreiter im Sinne der neuen Regulierung von unbemannten Luftfahrtsystemen, die ab 2021 in Kraft tritt. Über andere Projekte aus diesem und für das nächste Jahr, etwa mit externen Partnern, kann ich aus Geheimhaltungsgründen nicht im Detail sprechen. Nur so viel: Es geht über alle Geschäftsmodelle, von Start-ups und NGOs bis hin zu großen Unternehmen. Themen sind unter anderem die Nutzbarkeit von Drohnen in der Landwirtschaft, der Einsatz in der humanitären Hilfe. Wie können Boxen mit medizinischen Gütern sicher abgeworfen werden? Bei der Forschungsinfrastruktur werden wir im neuen Jahr einiges anschieben. Im Rahmen eines Projekts zum Thema „Urban Air Mobility“ – da geht es um Technologien und Prozessführung bei Flügen innerhalb von Städten – wollen wir auf dem Gelände eine herunterskalierte Teststadt aufbauen.

Die weitere Finanzierung der Projekt am Standort ist trotz Corona sicher?

Ja, darüber brauchen wir uns trotz Corona keine Gedanken zu machen, weil wir, insbesondere in der Aufbauphase, auf Grundfinanzierung aufbauen können, die von Bund und Land getragen wird. Das DLR investiert darüber hinaus zehn Millionen Euro in die wissenschaftliche und betriebliche Infrastruktur, wovon in 2020 bereits sechs Millionen Euro verausgabt wurden – ein kleiner Teil wird sich davon aufgrund von Corona auf 2021 verschieben.

Wie ist denn das Interesse aus der Bevölkerung?

Groß. Wir bekommen immer wieder Anfragen für Führungen.  Corona macht uns da natürlich leider einen Strich durch die Rechnung. Ich habe das Gefühl, die Menschen identifizieren sich in hohem Maße mit dem Standort Cochstedt, sicher auch weil sie schon die ganze Vorgeschichte miterlebt haben. Da ist klar, dass auch ganz besonderes Augenmerk auf unseren Vorhaben liegt. Das freut uns und ist auch in unserem Interesse.