Berlin/Magdeburg l Das Statistische Bundesamt hat Donnerstag seine aktuelle Einwohner-Vorausberechnung vorgelegt. Die Experten legten ihr Augenmerk vor allem auf die Gruppe der 20- bis 66-Jährigen. In dieser Altersspanne sind die meisten berufstätig. Die aktuellen Zahlen versprechen nichts Gutes. Trotz etwas höherer Geburtenzahlen und einer spürbaren Zuwanderung aus dem Ausland gibt es auf dem Fachkräfte-Markt keine Entspannung.

Derzeit leben in der Bundesrepublik fast 52 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter. In den kommenden 15 Jahren schrumpft diese Gruppe auf 46,4 Millionen. Das ist ein Rückgang von zehn Prozent. In Sachsen-Anhalt ist das Minus mit 22 Prozent sogar doppelt so groß. Ist es hier derzeit schon schwer, genügend Lehrer, Handwerker oder Facharbeiter einzustellen, so wird sich die Lage in den nächsten Jahren weiter verschärfen. Bis 2035 wird die Zahl der Erwerbsfähigen im Bundesland um weitere 300.000 zurückgehen.

Verursacht wird die Negativ-Entwicklung durch den Geburtenrückgang seit den 70er Jahren. Der Osten erlebte in den 90er Jahren sogar einen Geburtenknick. Hier kommt verschärfend hinzu, dass Tausende junger Familien in den Westen zogen - und deren Kinder mittlerweile dort verwurzelt sind und somit auch fortbleiben.

Allerdings ist eines hüben wie drüben gleich: Alle verlieren Menschen im Erwerbsalter. Auch Unternehmen im Westen werden verstärkt um Nachwuchs buhlen. Die Firmen im Osten erwischt es aber heftiger. Bis 2060 schrumpft die Berufstätigen-Gruppe hier um 30 Prozent - im Westen sind es 16 Prozent. Allein die Stadtstaaten bleiben in etwa stabil.

Auch für Sachsen-Anhalt erwarten Statistiker deutliche Stadt-Land-Unterschiede. So leben in Magdeburg derzeit etwa 147.000 Menschen im Erwerbsalter. Daran wird sich laut aktueller Prognose bis 2030 nicht viel ändern, da die Stadt wächst. Anders sieht es etwa im Altmarkkreis Salzwedel aus: Da schrumpft diese Gruppe um 25 Prozent.

Lindert Zuwanderung die Lage? Auch nach Sachsen-Anhalt sind seit 2015 Tausende Menschen geflohen. Die Integration in den Arbeitsmarkt verläuft aber langsamer als angenommen. 4600 Menschen aus den so genannten Asylbewerberländern wie Syrien oder Afghanistan haben mittlerweile einen sozialversicherungspflichtigen Job. Zugleich sind aber auch 5300 arbeitslos gemeldet. Weitere 1800 sind in einer Qualifizierung. Nur 539 haben eine Lehre aufgenommen. Hinzu kommen 18.000 Beschäftigte aus EU-Staaten.

Zuwanderungs-Gesetz

Der Bundestag hat im Juni ein Fachkräfte-Zuwanderungsgesetz beschlossen, um gezielt Arbeiter und Akademiker anzuwerben. Heute berät dazu der Bundesrat. Sachsen-Anhalt wird zustimmen.

Arbeitsmarktexperten halten das Gesetz für richtig, warnen aber vor zu großen Erwartungen. Kay Senius, Chef der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt/Thüringen, verweist auf hohe Sprachhürden und langwierige Verfahren zur Anerkennung von Abschlüssen. Das Gesetz sei ein richtiger Schritt, sagte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU). Allerdings setzt er auch darauf, dass Firmen durch bessere Löhne und familienfreundliche Angebote einheimische Potenziale nutzen. 140.000 Sachsen-Anhalter pendeln in Nachbarländer; zudem gibt es 80.000 Arbeitslose.

Die Gruppe der Rentner steigt in ganz Deutschland hingegen weiter stark an: Von einst 10 Millionen (1990) auf jetzt 16 Millionen – und weiter auf 21 Millionen Ende der 30er Jahre.