Wernigerode (dpa) l Die Befürchtungen gibt es schon länger, jetzt ist es auch statistisch belegt: Der Fachkräftemangel wird in Sachsen-Anhalt zur Wachstumsbremse. So drückte die schwache Entwicklung des Baugewerbes im vergangenen Jahr das Bruttoinlandsprodukt, wie der Präsident des Statistischen Landesamts, Michael Reichelt, am Mittwoch in Wernigerode sagte. Während das Baugewerbe bundesweit 2,1 Prozent zulegte, gab es in Sachsen-Anhalt ein Minus von 3,3 Prozent. Und das vor dem Hintergrund bester Stimmung, voller Auftragsbücher und großer Nachfrage.

Diese Entwicklung schlug sich auch auf das Wirtschaftswachstum im Land nieder, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Zwar konnte Sachsen-Anhalt vergangenes Jahr zum vierten Mal in Folge ein Plus verzeichnen. Mit 0,8 Prozent gab es aber den niedrigsten Zuwachs aller Bundesländer. Deutschlandweit lag das Plus bei 2,2 Prozent. "Das kann uns insgesamt nicht zufriedenstellen", sagte Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD). Mit der neuen Wirtschaftsförderung, der Meistergründungsprämie oder auch dem Nachfolgefonds seien erste Weichen gestellt, um stärker zu wachsen.

Auch im Vergleich zu den ostdeutschen Ländern fällt Sachsen-Anhalt zurück: In Brandenburg und Sachsen lag das Plus wie im Ost-Schnitt bei 1,4 Prozent, in Thüringen bei 1,6 Prozent und in Mecklenburg-Vorpommern bei 1,8 Prozent. Ähnliche Abstände waren auch in früheren Jahren zu verzeichnen. Das BIP misst den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die in einer Region gefertigt wurden. Beim realen Wert wird die Preisentwicklung herausgerechnet.

Dabei ist das Baugewerbe mit seinem Minus bei Hochkonjunktur ein Indikator für ein entscheidendes Problem. Denn trotz hoher Auslastung sank die Zahl der Beschäftigten in der Baubranche 2017 um 1,4 Prozent. "Viele scheiden aus Altersgründen aus", sagte Reichelt. Neue Kräfte würden nicht in ausreichendem Maße gefunden. "Weniger Köpfe bedeuten auch eine geringere Wirtschaftsleistung." Denn noch vor wenigen Jahren sei die Baukonjunktur im Land deutlich stärker ausgefallen als im Bundesschnitt – bis die Arbeiter knapp wurden.

Land der Pendler

Ein Problem, welches das Land auch bald in anderen Branchen treffen könnte. Zum einen steige die Zahl der Erwerbstätigen überhaupt erst seit 2016 minimal wieder an – und deutlich langsamer als im gesamtdeutschen Trend, sagte Reichelt. Zum anderen bleibe Sachsen-Anhalt ein Land der Pendler, aus Wirtschaftssicht jedoch leider in die falsche Richtung: Im Vorjahr gab es 77.000 Menschen mehr, die zum Arbeiten in andere Bundesländer fuhren als zum Arbeiten nach Sachsen-Anhalt kamen.

Hauptziel bleibe Niedersachsen. Auffällig bleibt der weiterhin deutliche Abstand bei den Durchschnittslöhnen: In Sachsen-Anhalt steigen die Verdienste zwar seit einigen Jahren. Mit rechnerisch 34.522 Euro lagen sie zuletzt jedoch weiterhin bei nur 83 Prozent des bundesdeutschen Durchschnitts von 41.715 Euro.

Mit Blick auf den Fachkräftemangel gelte es, mehr Pendler und auch weggezogene Sachsen-Anhalter zurückzugewinnen, sagte Willingmann. "Dafür brauchen wir auch gute Kinderbetreuung und Kultur, damit wir zeigen, dass man in Sachsen-Anhalt nicht nur gut arbeiten, sondern auch gut leben kann." Zudem sei gerade das Baugewerbe eine Branche, in der ihm die Integration von Migranten sinnvoll erscheine. "Mit der Mindestqualifikation Sprache sollte da einiges möglich sein."