Magdeburg l Die Obstkisten sind akkurat geordnet, die Gänge der Lidl-Filiale in Magdeburg sind blitzblank. Mitarbeiter schwirren durch den Laden. „So viele junge Leute hier“, sagt eine ältere Kundin im Vorübergehen. Ein Zufall – nein. „Azubis leiten eine Filiale“ heißt das Projekt, bei dem je 13 Auszubildende aus drei Lehrjahren in Magdeburg und Halle das Kommando über zwei Filialen übernehmen. Sollte es Probleme geben – ist der Ausbildungsleiter zur Stelle. Doch davon kann in der Magdeburger Filiale nicht die Rede sein. „Bislang läuft‘s gut“, sagt Aaron Coumont.

Der 20-Jährige streift mit einem Klemmbrett unter dem Arm durch die Gänge, kontrolliert den Bestand und die Präsentation der Waren. Im normalen Leben ist Coumont im zweiten Jahr seiner Ausbildung im sogenannten Abiturientenprogramm. Jetzt ist er: Zwei Wochen Chef. Und hat den Hut auf, wenn es um die Bestellungen, Frischekontrolle, Kassenabrechnung oder die Koordination der Schichten geht. Auch für die Schulung der Azubis ist er zuständig. „Am ersten Tag hatte ich schon ein bisschen Bammel, ob das alles klappt“, gesteht der Leipziger. Doch das Team, bestehend aus Azubis aus mehreren Filialen sei schnell zusammengewachsen – der Laden laufe wie am Schnürchen.

Währenddessen steht Ausbildungsleiter Patrick Schulz im Hintergrund und lächelt. Er ist mit dem Engagement der Azubis sehr zufrieden. Lidl – konkret: die Regionalgesellschaft Bernburg – biete seinen Azubis seit Jahren die Möglichkeit, unter realen Bedingungen Verantwortung zu übernehmen, sagt er.

Engagement in der Filiale

Das Azubi-Projekt sei beliebt. Die Teilnehmer müssen sich durch ihr Engagement in der Filiale und in der Schule hervortun, um vom Verkaufsleiter empfohlen zu werden. Aaron Coumont hat eine verkürzte Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel hinter sich. Jetzt macht er eine Fortbildung zum Handelsfachwirt. Sein Ziel: Nach drei Jahren Ausbildung Filialleiter und perspektivisch Verkaufsleiter bei Lidl zu werden. Für Lidl bietet sich die Chance, mit dem Azubi-Projekt, für die Ausbildungsmöglichkeiten im Unternehmen zu werben. Ausbildungsleiter Schulz: „Generell ist es nicht mehr so einfach, Nachwuchs zu gewinnen.“ Ein Grund dafür könnten die Arbeitszeiten bis 20 oder 21 Uhr sein, sagt er. Viele wüssten zudem nicht, wie facettenreich der Beruf sei. Im Allgemeinen sei es spürbar, „dass die Qualität der Bewerbungen nachlasse“..

Azubis Verantwortung zu übertragen – das Modell ist besonders bei den großen Lebensmittelhändlern verbreitet. Etwa bei Edeka Minden-Hannover. Seit zehn Jahren gibt es das U21-Projekt. Azubis aus Handel, Logistik und Produktion erarbeiten im Rahmen eines Wettbewerbs unter einem Motto eigene Ideen. Sie planen den Personaleinsatz, verwalten Budgets und kümmern sich um das Marketing. Am Ende werden Gewinner gekürt. In Sachsen-Anhalt sind Azubis aus rund 20 Filialen dabei.

Bei der Netto Marken-Discount AG kann sich der Nachwuchs bei den Azubiwochen beweisen und eine Woche eine Filiale leiten. Auch bei Aldi Nord übernehmen Azubis im Rahmen eines Projekts die Verantwortung für Filialen.

Verantwortung für Auszubildende

Aus didaktischer Perspektive habe es große Vorteile, Azubis Verantwortung für Geschäftsprozesse zu übertragen, sagt Robert W. Jahn, Professor für Wirtschaftsdidaktik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Das Ziel: Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl zu entwickeln. Wichtig sei, dass die Prozesse pädagogisch begleitet würden. Erhalten Azubis kein Feedback oder sind nur günstige Arbeitskräfte, ergebe das Konzept wenig Sinn, so Jahn.

In der Lidl-Filiale beginnt der Endspurt. Dann entscheidet sich ein interner Wettbewerb zwischen den Filialen in Magdeburg und Halle. Welcher Markt hat am Ende mehr Umsatz gemacht, sich besser präsentiert? Wenn es nach Aaron Coumont geht, kommt der Sieger, ganz klar, aus Magdeburg.

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