Dr. Ralf-Joachim Götz

Götz arbeitet seit 2000 für die Deutsche Vermögensberatung (DVAG). Er war vorher Direktor der Dresdner Bank und Bereichsleiter im Geschäftsbereich Privatkunden/Vermögensberatungskunden.

Begonnen hat seine Karriere mit einer Banklehre und einem Wirtschaftswissenschafts-Studium. Er promovierte an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Die Deutsche Vermögensberatung hat ihre Umsatzerlöse im vergangenen Jahr um 16,4 Prozent auf 1,568 Milliarden Euro gesteigert. In Sachsen-Anhalt hat der Konzern rund hauptberufliche 500 Berater und 250.000 Kunden.

Magdeburg l Die Deutschen deponieren ihr Geld noch immer gern in den eigenen vier Wänden. DVAG-Chefvolkswirt Ralf-Joachim Götz erklärt, bei welchen Anlagen das Geld mehr anstatt weniger wird.

Herr Götz, sind die Deutschen eigentlich so etwas wie die Weltmeister im „Heimsparen“?
Dr. Ralf-Joachim Götz: Das könnte man meinen. Keine Geldanlage ist so stark gewachsen wie die Bargeldhaltung. Die privaten Haushalte hatten Ende 2018 über 226 Milliarden Euro unter dem Kopfkissen oder in der Sparbüchse. Das ist ein Plus von fast 30 Prozent in zwei Jahren. Wenn man langfristige Ziele hat, dürfte es mit dieser zinslosen „Anlage“ schwierig werden, diese zu erreichen. Durch die Inflation verliert das zu Hause deponierte Bargeld sogar an Wert. Bei einer Inflationsrate von zwei Prozent schrumpft die Kaufkraft bereits innerhalb eines Jahres von 100 Euro auf etwa 98 Euro.

Warum sind die Deutschen so konservative Anleger?
Viele Menschen sind verunsichert und scheuen sich – vielleicht auch als Spätfolge der Finanzkrise –, langfristige Verträge einzugehen.

Was empfehlen Sie?
Zunächst einmal gilt es, beim Anleger die Einstellung zu Ertragschancen und Risiken zu bestimmen. Welche Wünsche und Ziele hat er? Der nächste Urlaub, eine neue Waschmaschine? Da kann ich natürlich keine Immobilien oder einen Aktienfonds empfehlen. In diesem Fall kann es dann schon ein Tagesgeldkonto sein, auf dem man ein bis drei Monatsgehälter parkt. Aber bitte nur für die Reserve.

Und für die höhere Rendite?
Generell gilt: Heute muss man mit Risiken leben. Den risikolosen Zins, mit dem man etwas erreichen kann, den gibt es leider nicht mehr. Dem Kunden sollte ich deshalb vermitteln: Es ist bei einem Fernziel in Ordnung, ein Risiko einzugehen. Schauen wir uns den Deutschen Aktienindex Dax im Jahr 1988 an. Wenn Sie damals 1000 Euro angelegt hätten – mal abgesehen von Transaktionskosten und Besteuerung –, dann hätten Sie bei einer Wiederanlage aller Erträge heute etwa 12.000 Euro. Das entspricht einer durchschnittlichen Rendite von über 8,2 Prozent. Unterm Kopfkissen wären es nach wie vor 1000 Euro mit 0 Prozent Rendite. Bei einem Sparbuch blieben Sie unter 2500 Euro.

Ein langer Atem zahlt sich aus?
In den letzten Jahrzehnten gab es auch mal drei Jahre hintereinander, in denen die Börse nach unten ging. Da muss man einen gewissen Atem haben. Aber in keinem 15-Jahres-Zeitraum war die Rendite eines gut gemanagten Aktienvermögens negativ. Vielmehr sind hier – beispielsweise mit Aktienfonds – Gewinne sehr wahrscheinlich. Und das versuchen wir zu vermitteln. Generell gilt: Regelmäßig und diszipliniert sparen und streuen, das ist wichtig. Je länger mein Anlagehorizont ist, desto stärker kann ich anfänglich auch Risiken eingehen. Je älter man ist, desto stärker sollte man die Risiken abbauen. Und staatliche Fördermaßnahme sollte man mitnehmen.

Thema Immobilien: Lebt der Bausparvertrag noch?
Der lebt noch und er hat seine Daseinsberechtigung. Die Leute nutzen ihn, um die erste Immobilie zu erwerben. Wenn es um altersgerechtes Wohnen geht, kleinere Umbauten. Da ist ein Bausparvertrag gängiger. Man könnte sagen – und das soll nicht negativ klingen: Er ist das Zinssicherungsgeschäft des kleinen Mannes. Bei uns wird der Bausparvertrag rege nachgefragt.

Gibt es bei Ihren Kunden einen Trend bei der Altersvorsorge?
Immer beliebter werden fondsgebundene Rentenversicherungen – die sind von der Wertentwicklung abhängig von den zugrundeliegenden Aktienfonds. Bei der Altersvorsorge bin ich im Übrigen in den meisten Fällen Verfechter der Riesterrente. Es gibt dort Situationen, bei denen über 90 Prozent der Beiträge vom Staat übernommen werden.

Würden Sie ein Beipiel nennen?
Nehmen wir eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, die 20.000 Euro im Jahr verdient. Die kann mit einem Mindestbetrag von fünf Euro im Monat insgesamt 775 Euro im Jahr als massive Förderung vom Staat dazubekommen. Die Riesterrente kann aber auch interessant für einen Single sein, wenn der steuerliche Vorteile geltend machen kann. Die Rendite auf das selbst eingesetzte Kapital ist sehr interessant. Faustregel: Je geringer das Einkommen und je mehr Kinder, desto attraktiver ist die Riesterrente.

Wird es immer wichtiger, privat vorzusorgen?
Ja! Die gesetzliche Rente allein wird wohl nicht reichen, um den persönlichen Lebensstandard später zu halten. Auch früher hatten die Rentner noch andere Einnahmen, etwa aus Lebensversicherungen, Investmentsparplänen oder Immobilien. Und: Die Menschen werden immer älter, die Rentenbezug wird immer länger. Also sollte man zusätzlich zur gesetzlichen Rente privat vorsorgen.

Wie stehen Sie zum Bitcoin oder zu Gold?
Ich stehe kritisch zum Bitcoin für den privaten Anleger, auch weil der mögliche und schwer vorhersehbare Wertverlust innerhalb kürzester Zeit hoch sein kann. Gold ist wohl eines der wenigen Finanzprodukte, mit denen eine gewisse Emotion verbunden ist. Als Beimischung kann Gold interessant sein. Aber ich würde nicht alles auf eine Karte setzen.

Was tun Sie, um komplexe Anlageformen zu erklären?
Das ist immer auch eine Herausforderung: Die Produkte, die wir vermitteln, sind nicht sexy. Kein Kunde hängt sich ein Schild um, auf dem steht: Ich habe eine Riesterrente der DVAG. Obwohl die Kunden sie nicht unbedingt wollen, brauchen sie jedoch diese Produkte, die zudem sehr erklärungsbedürftig sind. Da hilft es, wenn man einen persönlichen und gut ausgebildeten Vermögensberater vor Ort hat.

Den finden Kunden immer seltener vor der Haustür. Profitieren Sie davon, dass viele Banken ihr Netz ausdünnen?
Davon profitieren wir stark. Seit Anfang 2010 hat die Zahl der Bankfilialen in Deutschland um über ein Viertel ab- und die Zahl unserer Direktionen und Geschäftsstellen um über die Hälfte zugenommen. Der Weg zur nächsten Bankfiliale wird immer weiter. Dabei haben die Menschen auch in Zeiten der Digitalisierung ein starkes Bedürfnis nach persönlicher Beratung vor Ort. Gerade in Sachsen-Anhalt ist es eine Herausforderung, die Menschen in der Fläche mit Finanzdienstleistungen zu versorgen.

Wird die Entwicklung der Weltwirtschaft zur Gefahr?
Die Weltwirtschaft wächst langsamer, jedoch stärker als die deutsche Wirtschaft. Zinssenkungsfantasien beflügeln Aktienkurse. Handelsstreitigkeiten und Zölle streuen Sand ins Getriebe der Wirtschaft. Ich sehe aktuell nicht die Gefahr einer Rezession. Deutschland muss aber sehen, dass es weiter mithält.