Wernigerode/Goslar (dpa) l Winter, ade: Die Tourismusbranche im Harz stellt sich verstärkt auf Angebote ohne Schnee ein. "Der Harz hat sich seit Jahren erfolgreich zu einer Ganzjahresdestination entwickelt", sagte die Sprecherin des Harzer Tourismusverbands, Christin Wohlgemuth, im niedersächsischen Goslar. Die Wintersaison spiele zwar noch eine bedeutende Rolle. Aber: "Stornierungen aufgrund von ausbleibendem Schnee sind selten", so Wohlgemuth weiter. Statt Wintersport stünden in der kalten Jahreszeit ausreichend alternative Angebote bereit.

"Hierzu gehören Bergwerke, Tropfsteinhöhlen, Schlösser, Burgen und Museen, aber auch Freizeiteinrichtungen wie Indoorkletterhallen und -spielplätze sowie Erlebnisbäder, Thermen und Saunen", sagte Wohlgemuth. Auch die noch recht neue Hängebrücke über dem Staubecken der Rappbodetalsperre, der Baumwipfelpfad im niedersächsischen Bad Harzburg oder die verschiedenen Wildparks in der Region seien in der Winterzeit beliebte Ausflugsziele bei Touristen, falls Schnee fehle.

Ein wahrer Hype habe sich auch um das Wandern herum entwickelt, sagte die Tourismusexpertin Barbara Weinert-Nachbagauer von der Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt in Magdeburg. Das Projekt "Harzer Wandernadel" habe mittlerweile rund 220 Stationen im gesamten Harz aufgestellt, an denen Wanderfreunde einen Stempel finden und in ihr Sammelheft drücken könnten. Nach einer bestimmten Anzahl an Stempeln könnten sich die Sammler eine Auszeichnung als Harzer Wanderkönigin oder Wanderkaiser abholen. Die Idee lade zum Wiederkommen ein – "auch ohne Schnee", so Weinert-Nachbagauer.

Weniger Winter im Harz

Tatsächlich ist es nicht mehr so winterlich in dem Mittelgebirge wie noch vor 20 Jahren: Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) wurden im Winter 1999/2000 noch an 105 Tagen auf dem höchsten Berg des Harzes, dem Brocken, Schneehöhen von mehr als 50 Zentimetern gemeldet. Im zurückliegenden Winter war das nur noch an fünf Tagen der Fall, wie DWD-Meteorologe Ralph Hasse mit Blick auf die jeweiligen Zeiträume zwischen Dezember und März erklärte.

Auch die Temperaturen stiegen in den vergangenen Jahren im Harz an. Im Januar 2000 wurden laut Hasse im Schnitt minus 3,9 Grad auf dem Brocken gemessen. Im Januar diesen Jahres war es hingegen ganze 3,7 Grad wärmer, sprich nur noch minus 0,2 Grad kalt.

Auf die Buchungslage hat der Schneemangel jedoch kaum Auswirkungen. So wurden im sachsen-anhaltischen Teil des Harzes und des Harzer Vorlands im Jahr 2016 noch 2,93 Millionen Übernachtungen nach Angaben des Statistischen Landesamts gezählt. Vier Jahre später gab es bereits 3,34 Millionen Übernachtungen. Auch auf niedersächsischer Seite gehen die Übernachtungszahlen laut Landesamt für Statistik seit Jahren nach oben.

Nur die Corona-Pandemie sei ein herber Rückschlag für die Tourismusbranche, sagte Wohlgemuth. "Einerseits ist natürlich Verständnis für diese Maßnahmen des Infektionsschutzes in der Branche vorhanden", so die Verbandssprecherin. Jedoch sei die Krise besonders für Gastronomen, Freizeit- und Kulturanbieter sowie Herbergsbetriebe schwierig. "Wichtig ist jetzt, dass die versprochenen Soforthilfen die von der Schließung betroffenen Betriebe schnellstmöglich erreichen und dass sie im Dezember wieder öffnen können", sagte Wohlgemuth weiter. Denn die Wintersaison stehe vor der Tür.

Eisstadion Schierke rüstet sich

Einige Akteure setzen indes weiter auf Wintersportangebote. So liefen derzeit im Eisstadion im Wernigeroder Ortsteil Schierke in Sachsen-Anhalt die Vorbereitungen für die neue Saison auf Hochtouren, wie die Veranstalter online mitteilten. Von Dezember an soll – vorausgesetzt, die Corona-Lage lässt es zu – wieder Schlittschuhlaufen, Eisstockschießen und Eishockey möglich sein.

Zudem gibt es nach Angaben des Harzer Tourismusverbands im gesamten Mittelgebirge, das sich über Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und einen kleinen Teil Thüringen erstreckt, mehrere Alpinskigebiete, Funparks für Snowboarder, Rodelbahnen, Langlaufmöglichkeiten, Winterwanderwege und sogar eine Liftanlage zum Rodeln mit Lastwagenschläuchen.

Auch die Pläne für eine neue Skisprungschanze im niedersächsischen Braunlage stünden nach wie vor, sagte der Vorsitzende des ortsansässigen Wintersportvereins, Jens Koch. Derzeit liefen Anträge auf Fördermittel des Bundes. Das Ziel sei, im Frühjahr 2022 mit dem Bau der neuen Anlage am Wurmberg zu beginnen. Künftig sollen dort Großveranstaltungen stattfinden und der Skisprungnachwuchs in der Region intensiv gefördert werden – Sommer wie Winter. Scheitere das Vorhaben, könne es sein, dass das Skispringen in Niedersachsen "künftig passé" sei, so Koch.