Klötze l Kirstin Knufmann verschickt Reishi-Latte, Chaga-Pilz-Pulver und Chlorella-Algenpresslinge nach Deutschland und in die ganze Welt. Im beschaulichen Klötze, wo die 36-Jährige ihren Versand Pure Raw 2012 ansiedelte, haben viele Menschen von diesen exotischen Lebensmitteln noch nicht mal etwas gehört. „Lange haben die Leute gar nicht mitbekommen, dass es in Klötze so einen Betrieb wie uns gibt“, sagt Knufmann.

Die ausgefallenen Produkte sind sicherlich nichts für jedermann, aber sie sind beliebt bei Kunden, die sich nicht nur vegan – also frei von tierischen Produkten – sondern auch rohköstlich ernähren – also ohne ihr Essen zu kochen. Rohveganer kaufen zum Beispiel gerne Algen, weil manche Vitamin B12 enthalten, das sonst nur in Fleisch vorkommt.

Meeres-Spaghetti für sechs Euro

Das wohl einfallsreichste Produkt in Knufmanns Sortiment: Himanthalia elongata oder Meeres-Spaghetti für sechs Euro pro Packung. Werden die aus Frankreich stammenden Algen in Wasser aufgeweicht, schmecken sie tatsächlich ein klein wenig wie frische Nudeln – ganz ohne kochen. „Ja, das schmeckt“, sagt Knufmann. Sie stört das Image von Veganern, die beim Essen als spaßbefreit gelten. Produkte, die ihr selbst nicht schmecken, verkauft sie auch nicht, sagt sie.

Als Kirstin Knufmann um elf Uhr morgens die Tür zu ihren unscheinbaren Geschäftsräumen öffnet, hat sie schon ein Video für die Internetplatform Youtube abgefilmt. Das Thema: Rohvegane Pizza. Auch ein Rezept für Schokokuchen und Lasagne findet sich auf ihrer Website. Das Internet spielt in Knufmanns Firmenkonzept eine große Rolle. Den Großteil ihrer Produkte setzt Knufmann über ihre Website ab – 30 bis 40 Bestellungen am Tag verschickt sie.

Seit 2015 beliefert die Firma auch Groß- und Einzelhändler. Über das Internet kommuniziert Knufmann auch mit ihren Kunden. Sie läd Videos hoch, schreibt einen Blog, beantwortet Fragen ausführlich. Auch ein Buch über rohvegane Ernährung hat sie schon geschrieben. „Ich arbeite, bis ich ins Bett gehe“, sagt sie. Das ist Alltag für die junge Gründerin.

Trend aus Los Angeles

Knufmann selbst lebt seit acht Jahren rohvegan, nachdem sie den Trend in Los Angeles kennenlernte. Einige Jahre arbeitete die gebürtige Rheinländerin als Fotografin in den USA, davor lebte sie auch in Barcelona. Vor sechs Jahren kehrte sie nach Deutschland zurück und gründete Pure Raw im Keller ihrer Eltern in der Nähe von Köln. „Damals gab es so etwas in Deutschland gar nicht“, sagt sie.

Ihr Interesse an Algen als Nahrungsmittel führte Knufmann schließlich nach Klötze. Ihr Mann, mit dem sie eine kleine Tochter hat, ist Geschäftsführer der Klötzer Mikroalgenfarm. Von dort stammen die Chlorella-Algen, die Knufmann als Pulver und Tabletten verkauft. Für ihre anderen Produkte kauft sie Rohstoffe aus der ganzen Welt ein. In Klötze werden sie weiterverarbeitet und abgepackt.

Eine Firma in der Provinz zu führen hat für Knufmann Vorteile und Nachteile. Die Entfernung zur Autobahn ist nicht ideal. Auch für das Privatleben. „Ich fahre eine halbe Stunde ins Fitnessstudio und eine Dreiviertelstunde ins Kino“, sagt Knufmann. Auch Mitarbeiter zu finden ist nicht einfach. Ein Neuzugang, der aus dem europäischen Ausland angeworben wurde, reiste wieder ab.

Inzwischen stammen alle zwölf Mitarbeiter in Verarbeitung, Versand und Service aus der Region. „Hier kann ich mir die Miete leisten, obwohl wir viel Lagerraum brauchen“, sagt Knufmann. Einige Klötzer hat sie schon auf den rohveganen Geschmack gebracht. Zu einem Hoffest kamen in diesem Jahr 200 Gäste, darunter auch viele Nachbarn und Leute aus der Umgebung. Die Verpflegung war rein rohvegan. Knufmann beteuert: „Trotzdem haben alle etwas gefunden, dass ihnen geschmeckt hat.“

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