Bernau (dpa) l Dunkelheit, Nebel, ohrenbetäubender Lärm: Die Bedingungen, unter denen sich die Servicetechniker durch einen mehrstöckigen, engen und labyrinthartigen Hindernisparcours arbeiten müssen, sind äußerst schwierig. "Wir warten und reparieren Windkraftanlagen", berichtet Christian Dornstrey von der österreichischen Firma rts. "Dazu müssen wir auch in die Rotorblätter kriechen und da sind die Bedingungen ähnlich." Gemeinsam mit seinen fünf Kollegen trainiert er bei der Windhunter Academy GmbH in Bernau (Kreis Barnim).

Auf einem Gewerbegelände am Rande der Stadt nahe Berlin ist vor gut zwei Jahren ein Trainingszentrum für den Ernstfall in luftiger Höhe entstanden. Nach Angaben des Bundesverbandes Windenergie (BWE) gibt es deutschlandweit derzeit 28.675 Windräder, die regelmäßig gewartet werden müssen. Brandbekämpfung und erste Hilfe werden in Bernau ebenso geübt wie das Bergen Verletzter. "Rund 2500 Schulungen hatten wir im vergangenen Jahr", sagt Windhunter-Prokurist Daniel Berthé. Zwei Drittel der Teilnehmer stammten von der Windkraft-Firma Enercon, laut der Berliner Agentur für Erneuerbare Energien größter deutscher Hersteller von Windenergieanlagen. Mit ihr haben die Bernauer einen Kooperationsvertrag abgeschlossen.

"Hintergrund ist die hohe Nachfrage nach Schulungen", sagt Enercon-Sprecher Felix Rehwald. "Die Professionalität der Trainer in Bernau und das gute praktische Ausbildungskonzept im Bereich der Höhenarbeit sowie neue Erkenntnisse im Bereich der Arbeitssicherheit haben uns überzeugt." Weltweit hat das Unternehmen knapp 30.000 Windkraftanlagen installiert, die meisten werden durch den Enercon Service betreut. Die Sicherheit der Servicemitarbeiter habe höchste Bedeutung, regelmäßige Schulungen seinen unabdingbar, um das Unfallrisiko zu verringern, sagt Rehwald.

Doch auch andere Firmen, die Windräder warten, schicken laut Berthé ihre Servicetechniker regelmäßig zum Auffrischen nach Bernau, denn im Ernstfall zählt jede Sekunde, muss jeder Handgriff sitzen. "Da kannst Du nicht auf Hilfe von außen warten", sagt Dornstrey. "Sicherheit ist neben körperlicher Fitness und Höhentauglichkeit definitiv wichtig in unserem Job. Das müssen wir schon aus Selbstschutz ernst nehmen", sagt er.

Sich vorwärts zu tasten und vor allem miteinander zu reden, sei die richtige Strategie im finsteren Labyrinth, rät Trainer Matthias Herrmann, der hauptberuflich Feuerwehrmann in Berlin ist. "Wir setzen sie unter Stress, damit sie lernen, ruhig und konzentriert vorzugehen."

Unfälle und Havarien

Es gibt nach Angaben der Akademie viele Sicherungssysteme an Windrädern. Deswegen seien Unfälle oder Havarien auch sehr selten, sagt Prokurist Berthé. Allerdings: "Wenn was passiert, ist es schwerwiegend", erläutert Marc Fechner. Der Industriekletterer ist wie Herrmann einer von 30 Trainern, mit denen die Windhunter Academy zusammen arbeitet. Ein Kollege habe einen elektrischen Schlag bekommen, Schnittverletzungen oder einen verstauchten Knöchel oder hänge bewusstlos in den Seilen. Die Szenarien klingen auf den ersten Blick gar nicht so dramatisch. Wenn sie aber in 100 Metern Höhe passierten, seien die Konsequenzen durchaus problematisch, sagt Fechner, Experte für das Abseilen von Personen.

Direkt an Windrädern zu trainieren, sei aufgrund zahlreicher dafür notwendiger Genehmigungen schwierig, erläutert Berthé. Außerdem müssten die jeweiligen Anlagen für die Trainingszeit außer Betrieb genommen werden. "In der Zeit kann mit dem Windrad kein Geld verdient werden und darauf lassen sich die Firmen nur ungern ein", sagt er.

Auf das Bernauer Gelände soll demnächst eine Windradattrappe kommen, damit das Training noch realitätsechter wird. Künftig sollen dort nicht nur Servicetechniker, sondern auch Feuerwehrleute und andere Rettungskräfte geschult werden. In das Schulungskonzept für Rettungskräfte soll einfließen, wie man dort hineinkommt, wie es im Inneren aussieht, wann man Aufzüge benutzen oder die Steigleitern hochgehen muss.

Die technischen Hilfsmittel seien ausgereift und vorhanden, aber der Mensch müsse sie auch beherrschen, dabei Ängste abbauen, sagt Industriekletterer Fechner. Dornstrey und dessen Kollegen erweisen sich als Musterbeispiel. Mit schlafwandlerischer Sicherheit und ohne Hektik arbeiten sie sich in voller Sicherheitsmontur durch das undurchschaubare Labyrinth auf der Suche nach einer angeblich verunglückten Person. Neun Kameras belegen ihr Vorgehen, senden Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Männer auf Monitore außerhalb der Trainingsanlage.