Magdeburg/Freyburg l Sachsen-Anhaltes Olympisasieger Julia Lier (Rudern) und Thorsten Margis (Bob) sind Leistungssportler durch und durch. Alkohol kommt für sie in der heißen Wettkampfphase nur als „Sektdusche“ auf dem Medaillentreppchen in Frage.

Dabei würden die Hallenser gerne mal ein Gläschen Unstrut-Wein in gemütliche Runde trinken – alkoholfrei müsste er eben sein. Was bisher mangels Angebot ausfiel, ist ab sofort möglich, die Winzergemeinschaft Freyburg-Unstrut hat ihren ersten „katerfreien“ Wein auf den Markt gebracht: Einen weißen Bacchus und einen Portugieser Rosé für je 6,49 Euro die 0,7-Liter-Flasche.

„In Mitteldeutschland sind wir damit Vorreiter“, freut sich Geschäftsführer Hans Albrecht Zieger, der sich glücklich schätzt, „dass wir die beiden Top-Sportler als Genuss-Botschafter gewinnen konnten“. Und die geben, wie sie sagen, gerne ihren guten Namen „für eine gute Sache“. Ruder-Olympiasiegerin Lier erklärt dazu: „Es gibt viele Gründe, Alkohol zu meiden, das wissen wir Leistungssportler nur zu genau. Jetzt kann ich auch mal mit gutem Gewissen am Vorabend eines großen Wettkampfes auf einen erhofften Sieg anstoßen.“

Aktuelle Marktanalysen zeigen, dass die Freyburger mit ihrem ersten alkoholfreien Wein im Trend liegen. Auch bei der genossenschaftseigenen Weingalerie, die alljährlich von Tausenden Besuchern genutzt wird, war die Nachfrage nach edlen Tropfen ohne Prozente zuletzt deutlich gestiegen. Noch aber ist der Anteil alkoholfreier Weine in Deutschland relativ gering und macht nach Schätzungen des Deutschen Weininstitutes nicht einmal ein Prozent aus. Zieger: „Aber der Pfeil zeigt nach oben. Der Schaumwein macht das vor, da komme schon jede zwanzigste Flasche ohne Alkohol aus.“

Also starteten die Winzer der Region im Vorjahr einen Versuchsballon mit einem halbtrockenen Portugieser Rosé. Der habe, so Zieger, schon gute Resonanz gefunden, „konnte aber die Skeptiker nicht vollends überzeugen“. Das Problem: Das herkömmliche Entziehen von Alkohol ist problematisch, da der Wein erhitzt werden muss, um den Äthanol (Siedepunkt bei etwa 78 Grad) zum Verdampfen zu bringen. Der typische Weingeschmack geht dabei verloren. Deshalb suchte Kellermeisterin Kathleen Romberg nach einer anderen Lösung.

Absatz von alkoholfreiem Sekt und Bier wächst

Und sie wurde bei dem Verfahren Spinning Cone Column (Schleuderkegelkolonne) fündig: „Hierbei wird der vergorene Most unter Vakuum bei ca. 27 Grad nur milde erhitzt, in seine Bestandteile zerlegt, um sich dann - ohne den Alkohol - wieder friedlich zu vereinen.“

Sekt: Prickelnden Genuss und ein klarer Kopf – das gehört bereits seit 2008 bei den Machern von Rotkäppchen-Sekt zusammen. Sie haben in den letzten Jahren rund 10 Millionen in das alkoholfreie Segment investiert. So wurde im Mumm-Standort in Eltville am Rhein eine neue Entalkoholisierungsanlage voll in Betrieb genommen. In alkoholfreien Sektvarianten sieht das Unternehmen aus Sachsen-Anhalt „eine chancenreiche Nische“, wie Geschäftsführer Christof Queisser betont. Fünf Millionen Flaschen alkoholfreien Sekt verkaufe Rotkäppchen-Mumm im Jahr, damit decke man 40 Prozent des Marktes ab.

Bier: Deutschland ist einer der größten Märkte für alkoholfreies Bier. Mittlerweile ist laut Deutschem Brauer-Bund jeder 15. Liter Bier, der hierzulande hergestellt wird, alkoholfrei

Isotonische Getränke bei Sportlern beliebt

Gerade bei Sportlern erfreuen sich die isotonischen Durstlöscher wachsender Beliebtheit. „Doch die Verfahren sind zeitlich und technisch sehr aufwändig, weshalb sich das auf dem ohnehin hartumkämpften Bier-Markt für kleinere Braueren nicht lohnt“, begründet Christof Haverkamp, warum die in Magdeburg produzierende Sudenburger Brauerei bislang kein alkoholfreies Bier im Sortiment hat. Das Colbitzer gibt es dagegen als Pils alkoholfrei, allerdings wird es in Braunschweig gebraut.

Die Traditionsmarke Hasseröder hat kein eigenes alkoholfreies Bier im Angebot, das Hasseröder Radler hat einen Alkoholgehalt von 2,7 Prozent. Claudia Hauschild, Sprecherin des Brauerei-Giganten Anheuser-Busch InBev, zu der inzwischen auch die Brauerei im Harz gehört, erklärt zum Gesamtunternehmen: „Mit dem Ausbau unseres alkoholfreien Markenportfolios sind wir genau am Puls der Zeit.“ Hauptgewinner in der Kategorie „alkoholfreies Bier“ seien vor allem alkoholfreie Biermischgetränke.

Dieses Segment wachse sogar zweistellig. „Bis Ende 2025 soll jedes fünfte Bier aus unserem Haus alkoholfrei oder alkoholreduziert sein.“ Im Gesamtkonzern macht diese Sparte derzeit weltweit rund acht Prozent aus, „in Deutschland liegen wir schon bei über 11 Prozent“.