Köln (dpa) - Bei einem Satiriker, der die halbe Nation mit einem angeblich gefälschten Video über einen griechischen Mittelfinger genarrt hat, muss auch diese Frage erlaubt sein: Ist Jan Böhmermann wirklich ein Polizistensohn?

Er beteuert, dass es so ist. Irgendwann wird es ermüdend, wenn man ein Lügenkonstrukt versucht, aufrecht zu erhalten. Die meisten Sachen stimmen schon, sagt er.

Er sagt es so, dass man es glauben mag. Aber allein der Gedanke, er könnte mit seiner Biografie Schindluder getrieben haben, sagt viel über Böhmermann aus - er hat dem Jahr 2015 seinen Stempel aufgedrückt. Dass er bei bestimmten Themen nicht zur Satire neigt, allerdings auch.

Unter dem Pseudonym POL1Z1STENS0HN und mit dem Lied Ich hab Polizei hat er am Ende des Jahres wieder einen Hit gelandet. Und zwar doppelt. Das Lied stieg in die Charts ein - das ist sozusagen die Währung der alten Medien-Welt. Aber noch viel wichtiger: Das Video wurde zum Internet-Hit und sorgte für Debatten über Rap-Kultur und die Polizei. Selbst die Deutsche Polizeigewerkschaft sah sich bemüßigt, öffentlich Stellung zu beziehen. Spätere Biografen könnten 2015 wohl ohne Bedenken als das Jahr identifizieren, in dem Böhmermanns Karriere so richtig in Schwung kam.

Belege dafür sind: Das Neo Magazin Royale (ZDF und ZDFneo) bekam mehr Sendezeit, sogar die New York Times berichtete über ihn und seine Mission, die als griesgrämig verschrienen Deutschen zum Lachen zu bringen, und natürlich die Varoufake-Sache.

Seine Behauptung im März, ein Stinkefinger-Video des damals noch amtierenden griechischen Finanzministers Gianis Varoufakis gefälscht und - von langer Hand geplant - Journalisten untergejubelt zu haben, verwirrte auf so vielen Ebenen und spitzte die Griechenland-Debatte so zu, dass ihm nun quasi alles zuzutrauen ist.

Böhmermann selbst sagt zum Jahr 2015 recht lapidar: Ich kann mich an kaum etwas erinnern, weil ich so viel gearbeitet habe. So klingt niemand, der sich am Ziel fühlt.

Mit dem Musiker Olli Schulz quatscht er sich wöchentlich durch die anarchische Radiosendung Sanft & Sorgfältig (die unter anderem bei radioeins vom RBB läuft). Im Januar kommt im TV die Talkshow Schulz & Böhmermann (ZDFneo) dazu.

Schulz beschreibt seinen Partner so: Jan ist verkopfter als ich. Einer der Produzenten unserer Show hat gesagt: Jan hat das Hirn auf der Zunge und ich das Herz. Er wisse nicht, ob man das so klar sagen könne, das vermische sich auch. Aber man ist geneigt, zuzustimmen. Böhmermann kokettiert auch damit, gern Steuererklärungen zu machen.

Viel Privates gibt er traditionell nicht preis. Zumindest nichts, was als einigermaßen belastbar eingestuft werden kann. Dazu zählt, dass er gebürtiger Bremer ist und dass der Vater - ja, tatsächlich - Polizist war. Mein Vater ist an Leukämie gestorben, als ich 17 war. Es ging mir also nicht vorrangig um Selbstverwirklichung, sondern auch ums Geldverdienen und Existenzsichern, sagte er mal in der Zeit. Heute lebt Böhmermann in Köln. Er ist 34 Jahre alt.

Zu seinen Erfolgen pflegt er ein eher rationales Verhältnis. Dem Varoufake und dem Polizistensohn stehen 20 Sachen gegenüber, die nicht funktioniert haben. In die genau so viel Arbeit hineingeflossen ist, aber keiner gesagt hat: megageil. Zufrieden sei er trotzdem, weil er Dinge einfach dann mache, wenn sie aus seiner Sicht Sinn ergeben. Er hat dabei eine Bestimmtheit und auch einen wütenden Spott, dass ihn manche für arrogant halten. Man könnte sagen, dass er sich nach seinem Volontariat bei Radio Bremen in die deutsche Unterhaltung hineingebissen hat. Und dass er nun immer mehr sein Publikum findet. Dass ihm die Herzen zufliegen würden, eher nicht.

Die Frage ist, wo das alles noch hinführen kann. Böhmermann selbst hat eine Antwort. Ich würde gerne Montag bis Donnerstag nach Lanz laufen. Oder auch Lanz ersetzen. Da hätte ich überhaupt nichts dagegen, sagt er. Die ZDF-Zuschauer müssten sich dann wohl ein wenig umstellen. Aber das ist ja nicht mein Problem.

"Neo Magazin Royale"

Video zu "Ich hab Polizei"

Video "Varoufakis and the fake finger"

Radioshow "Sanft & Sorgfältig"

Bericht in der "New York Times"