Berlin (dpa) - Mit angespanntem Gesicht und geübten Bewegungen wischt Patricia Lesage über die weiße Toilettenbrille. Die 57-jährige Reinigungskraft aus Frankreich sagt: "Ich liebe meine Arbeit und gebe alles." Aber sie leidet unter den beruflichen Rahmenbedingungen - als Leiharbeiterin bekommt sie immer nur befristete Verträge.

Karin de Miguel Wessendorfs und Valentin Thurns Dokumentation "Abschied von der Mittelschicht - Die prekäre Gesellschaft" begleitet viele interessante Menschen aus ganz Europa. Sie alle eint die Unsicherheit, mit der sie auf ihre berufliche und finanzielle Zukunft blicken. Arte strahlt den Film am Dienstag um 20.15 Uhr aus.

"Man fühlt sich wie weggeworfen", sagt die französische Zeitarbeiterin und schimpft auf Migranten, die "kleine Häuschen mit allem Komfort" bekämen und auf Politiker, die im Parlament schliefen und dafür "wer weiß was" einstrichen. Sie wünscht sich, dass die Rechten in Frankreich "mal richtig mit dem Besen durchkehren".

Die Dokumentation folgert, die rechtspopulistische Rhetorik habe bei Patricia Lesage Gehör gefunden. Über den einzelnen Geschichten schwebt die Frage, ob die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse der Grund dafür ist, dass breite Bevölkerungsschichten für Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit empfänglich werden.

Ganz rund ist diese These nicht, wie das Beispiel des Leipziger Gusswerke-Arbeiters Sven zeigt. Der 38-Jährige trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "FCK NZS" (kurz für "Fuck Nazis", also "Scheiß auf Nazis") und zeigt trotz der immer wieder drohenden Insolvenz seiner Firma wenig Verständnis für Migrations-Kritiker.

Der Dokumentarfilm hat diese weitere politische Dimension auch gar nicht nötig. Die spannenden Einzelschicksale sprechen für sich, auch wenn sie nicht automatisch den sozialen Frieden bedrohen. Dass in Europa Menschen mit ihrer Rente kaum über die Runden kommen und sich Studenten hoch verschulden, um nach dem Abschluss als Fahrradkuriere zu arbeiten, wäre Botschaft genug. Dass einige Betroffene an der Demokratie zweifeln oder aus Protest die AfD wählen, ist sicherlich Teil der Geschichte des "Prekariats" - sollte aber nicht der einzige Grund sein, sie zu erzählen.

Die Dokumentation ist sehr informativ, hört verschiedene Experten an, die die Folgen des in den 80er Jahren liberalisierten europäischen Arbeitsmarktes erläutern. Die Zuschauer erfahren etwa, dass in Spanien die Hälfte aller jungen Menschen und in Österreich die Hälfte aller berufstätigen Frauen prekär beschäftigt ist.

Wessendorfs und Thurns Film hat aber ein großes Manko: Er beleuchtet kaum die Position der Gegenseite. Weder die für die Arbeitsmarktliberalisierung verantwortlichen Politiker noch Unternehmer kommen zu Wort. Den Autozulieferer Prevent bezeichnet die Doku als "Heuschrecke, darauf spezialisiert, Firmen gewinnbringend auszuweiden und dann stückweise weiterzuverkaufen" - ohne dass sich ein Mitarbeiter zu den Vorwürfen äußern würde.

Die Perspektive der Arbeitgeber wird nur indirekt wiedergegeben. So heißt es, Konzernbosse beim Weltwirtschaftsforum seien "alarmiert" angesichts der Verhältnisse. Die Unternehmer bräuchten billige Arbeitskräfte aus dem Ausland und seien besorgt wegen der Populisten, die sich die Abschottung von der Weltwirtschaft oder gar vom EU-Binnenmarkt wünschten. Ein Gesicht gibt der Film diesen Stimmen nicht. Und so bleibt die Dokumentation sehr einseitig und die Gründe für den Wandel auf dem Arbeitsmarkt treten nur schwammig zutage.