Berlin (dpa) - Siegfried Lenz (1926-2014) ist einer der erfolgreichsten deutschen Erzähler der Nachkriegszeit. Der Autor der "Deutschstunde" beeindruckt seine Leser bis heute mit einer schlicht daherkommenden, jedoch tiefgründigen Menschlichkeit.

Nicht an der Verurteilung der Welt und ihrer Bewohner war dem vielfach preisgekrönten Schriftsteller und engagierten Sozialdemokraten gelegen. Vielmehr ging es ihm um Verstehen und Verständnis. Um so auf eher stillem, indirekten Weg zu einem besseren Miteinander beizutragen. Vielleicht wurden auch deshalb seine feinsinnigen Geschichten häufig für Leinwand und Bildschirm verfilmt.

Für das ZDF entstanden in jüngster Zeit "Die Flut war pünktlich" (2014), "Der Verlust" (2015) und "Schweigeminute" (2016). Kurz vor seinem Todestag am 7. Oktober steht im Zweiten wieder ein Lenz auf dem Programm: "Der Anfang von etwas" nach einer Erzählung aus dem Jahr 1958.

Er läuft am Donnerstag, dem Tag der Deutschen Einheit (3. Oktober), um 20.15 Uhr. Zwei Mitwirkende, Ina Weisse ("Werk ohne Autor") und Thomas Berger (59, "Die verschwundene Familie"), gehören dabei quasi zum Stammpersonal der Produktion der Firma Network Movie, die im Auftrag des ZDF auch diesmal mit im Boot ist. Weisse hat schon in den ersten beiden Filmen mitgespielt - jeweils unter der Regie von Thomas Berger.

Es mag mit an der Vertrautheit der Filmemacher gelegen haben, dass ein derart intimer, existenzieller Film entstanden ist, der seinen Rollenfiguren dennoch nie indiskret auf die Haut rückt (Buch: Mathias Klaschka). Ein außergewöhnlich schöner Film überdies, der von hochkarätigen Darstellern, der Reduktion der Mittel und sehr ruhigen Bildern lebt. In "Der Anfang von etwas" wird von Schuld und Versagen erzählt, vor allem aber von Alltagsmenschen in ihrer ganzen Vielschichtigkeit.

Im Mittelpunkt steht Anne Hoppe (Weisse), eine Frau in den besten Jahren, Meteorologin beim Hamburger Seewetteramt. Vor einem Jahr hat sie beim Untergang eines Containerschiffs in der Nordsee ihren Mann, den Ingenieur Harry (Juergen Maurer), verloren. "Du wärst nie von ihm losgekommen. Ich weiß, wie es zwischen euch war", sagt ihre dement wirkende Mutter (Gaby Dohm, "Die Schwarzwaldklinik"), mit der sie zusammenlebt, am Frühstückstisch.

Doch plötzlich meint Anne, ihn zu sehen. Mal flüchtig in der U-Bahn, mal nachts beim Wegrennen von ihrem Grundstück. Sie geht zur Polizei, aber die Beamtin Inga Petersen (Franziska Hartmann) glaubt ihr nicht. Doch weiß Anne vielleicht noch mehr, als sie zu sagen vermag? Erst als sich die vermeintlichen Fälle häufen und Anne behauptet, dass Harry nachts das Auto ihres Chefs (Johann von Bülow) angezündet habe, wird die Polizistin neugierig und aktiv. Spätestens hier könnte "Der Anfang von etwas" zu einem herkömmlichen, manchmal etwas gruseligen Krimi geraten.

Dagegen sprechen nicht zuletzt die extrem ästhetischen, in blasse Schleier getauchten Bilder und der Kamerafokus auf dem Gesicht der Hauptfigur, das heillose Verlorenheit ausstrahlt. Symbolträchtig erscheint das wiederholt auftauchende Motiv des Wassers. Es steht genauso für Leben wie für Tod. So gibt es im Film nicht nur die Elbe, an deren Ufer Anne lebt und wo sie ihren Mann kennengelernt hat, sowie das öffentliche Bad, in dem sie schwimmt.

Da sind auch die dramatischen Nordseewellen beim Schiffsuntergang und das Wattenmeer, an dem sich das alte Bauernhaus ihres bärbeißigen Schwiegervaters (Hansjürgen Hürrig) und ihres Schwagers (Hinnerk Schönemann) befindet.

In Rückblicken offenbart sich eine von leidenschaftlicher Liebe und häuslicher Gewalt geprägte Ehe. Aus Gutem entwickelte sich dabei Schlechtes und aus Schlechtem Gutes. "Es sind einsame Menschen. Sie sind wortkarg, das Leben hat ihnen die Sprache verschlagen", sagt Hauptdarstellerin Weisse im Interview mit dem ZDF. "Wie können sie den Verrat und ihre Schuld vor sich selbst rechtfertigen? Wie gehen sie damit um?" - diese Fragen hätten sie an ihrer Rolle gereizt, sagt die 51-jährige Schauspielerin.

Der Anfang von etwas