Berlin (dpa) - Irgendwann erkennt Wilhelm II., dass er überflüssig geworden ist. "Am liebsten würde ich alles hinschmeißen", murmelt der Kaiser in seinen Zwirbelbart. Bis zuletzt glaubt der Monarch, dass er Herr des Verfahrens ist.

Dabei ist Wilhelm in diesen letzten Oktobertagen 1918 nur noch Chef auf Abruf einer Monarchie ohne Zukunft. Die sich anbahnende Niederlage im Ersten Weltkrieg ist nicht mehr zu vertuschen, auf den Straßen revoltiert das Volk. Mit der Revolution vom 9. November 1918 werden Wilhelm und das Herrscherhaus der Hohenzollern Geschichte.

Im Dokudrama "Kaisersturz" erinnert das ZDF am Mittwoch (31. Oktober, 20.15 Uhr) an das Ende des deutschen Kaiserreichs und die Novemberrevolution. Der Film rekonstruiert die letzten Tage des Kaisers vor seiner Flucht ins holländische Exil und die Geburtsstunde der deutschen Demokratie.

Mit Originalaufnahmen vom Kriegs- und Demonstrationsgeschehen sowie gespielten Szenen zeichnet der Film die Wochen von September 1918 bis zur Ausrufung der Republik nach. Sylvester Groth spielt den Monarchen als Herrscher, dessen Macht kontinuierlich schwindet, Sunnyi Melles die Kaiserin Auguste Viktoria, die Wilhelm ständig anspornt, nicht immer Offizieren, Adligen und Linken klein beizugeben.

Als wissenschaftlichen Berater hat das ZDF den Historiker Lothar Machtan hinzugezogen. Machtan hat gerade ein Werk zum Ende des Kaiserreichs veröffentlicht, das den selben Titel trägt wie das Dokudrama. In beiden wird deutlich, dass Wilhelm schon lange vor seiner Absetzung faktisch nur noch Beobachter der Ereignisse war.

Schleichend haben der Kriegsverlauf und die Übermacht der Obersten Heeresleitung um Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff Wilhelms Autorität ausgehöhlt. Spätestens als die Matrosen und Arbeiter rebellieren, mus auch Wilhelm die Realitäten anerkennen.

Zum Offenbarungseid wird Wilhelms letzte öffentliche Rede, die er vor Krupp-Arbeitern hält. Seine Adjutanten flehen ihn an, beim vorbereiteten Text zu bleiben. Aber Wilhelm breitet vor den Arbeitern unversöhnlich sein Bild des Obrigkeitsstaats aus. Jeder müsse seinen Dienst am Vaterland verrichten, ruft er den Arbeitern zu. "Du an deiner Drehbank, du an deinem Hammer, ich auf meinem Thron". In der Halle wird die Unzufriedenheit laut. Dabei - das wird in dem Film deutlich - hat Wilhelm bis zuletzt noch wichtige Stützen - allen voran den Anführer der Mehrheits-SPD, Friedrich Ebert (Christian Redl), und Max von Baden (Hubertus Hartmann), den letzten Kanzler von Kaisers Gnaden.

Unverzichtbar wird dabei Kurt Hahn (Franz Hartwig), Max von Badens Freund und Drahtzieher für dessen Annäherung an Ebert. Beide halten an Wilhelm fest, der sich während der Revolution fünf Tage in das Neue Palais nach Potsdam verkriecht. Die Furcht vor sowjetischen Revolutionsverhältnissen sitzt dem SPD-Mann und "Bademax" wie Wilhelm seinen Cousin nennt, in den Knochen. Mit ihrem Festhalten an Wilhelm verzögern sie nur das Ende des Dramas.

Autofahrten durch Parks, Telefon- und Vieraugengespräche unter Herren, Treffen im verrauchten Hinterzimmern - "Kaisersturz" zeichnet die Revolution als Kabinettstück nach. Die anderen Protagonisten, die Arbeiter und Soldaten, huschen in den alten Aufnahmen durchs Bild.

Manche Dialoge hören sich im Film so öde an wie abgedroschene Politikerstatements. "Es könnte der Beginn einer neuen Politik für Deutschland sein", sagt etwa Ebert zur entscheidenden Frage eines Regierungseintritts der SPD. "Warum sollen wir für andere die Kastanien aus dem Feuer holen?", kontert SPD-Mann Philipp Scheidemann (Bernd Birkhahn). Bei aller Notwendigkeit zur Vereinfachung - für ein Schlüsselereignis der jüngsten europäischen Geschichte wirkt "Kaisersturz" eher wie eine nicht sehr aufregende Geschichtsstunde in der Schule.

Kaisersturz