Stuttgart (dpa) - Sie klingeln an zahlreichen Wohnungstüren, befragen mehrere Verdächtige und sind zur Stelle, wenn Häuser und Wohnungen durchsucht werden. So kennt man die Ermittler im "Tatort" normalerweise.

Im neuen Stuttgart-"Tatort" sieht der Zuschauer aber nur einen sehr kleinen Ausschnitt davon. Der Krimi ist diesmal nämlich nur aus einer Perspektive erzählt - der eines Verdächtigen.

Zum ersten Mal Besuch von den Ermittlern Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) bekommt der in seinem Büro. Sie wollen von Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey) wissen, warum sein Name im Terminkalender des Anlageberaters Uwe Berger stand. Zu dem Treffen kam es nicht, beteuert Gregorowicz. Doch damit ist die Sache für ihn nicht vorbei. Denn Berger wurde ermordet und Gregororwicz wäre laut Terminkalender der letzte, der ihn lebend gesehen hätte.

Nach der ersten Befragung beobachtet der Zuschauer nicht wie üblich die Ermittler bei ihrer weiteren Arbeit, sondern begleitet Gregorowicz zum Tennisspielen. Er sieht zu, wie er seiner Frau Katharina erst später von der Befragung erzählt. Er erlebt mit, wie er nachts von Alpträumen geplagt wird. Und auch, wie die Ermittler ständig vor seiner Tür stehen und bohrende Fragen stellen.

"Da wir aus der Perspektive des Verdächtigen erzählen, wird das Auftauchen der Ermittler als bedrohlich und beunruhigend wahrgenommen", sagt Martin Eigler, der das Drehbuch mit Sönke Lars Neuwöhner geschrieben hat, im Presseheft. "Aber gleichzeitig wissen wir aus über 20 Filmen: Lannert und Bootz sind die Guten."

Tatsächlich feiert der Stuttgart-"Tatort" mit dieser 22. Folge bereits sein zehnjähriges Bestehen. Schon zuvor wagte der Krimi aus der Schwabenstadt experimentelle Formate - zuletzt etwa mit einer Folge, in der die Ermittler im Stau einen Mörder suchen oder in einer Folge über den Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) vor rund 40 Jahren, die auf zwei Zeitebenen spielt.

Nun also der Perspektivwechsel: Verdächtiger statt Ermittler. Das glückt zumindest in Teilen überzeugend - etwa wenn Gregorowicz die Polizei beobachtet, wie sie eine Wohnung durchsucht. Normalerweise hätte der Zuschauer die Durchsuchung wohl aus der Polizeiperspektive erlebt. Zudem fehlen andere Sichtweisen weitgehend: Das Publikum erlebt die Kommissare und weitere Beteiligte im Grunde nur dann, wenn Gregorowicz mit ihnen Kontakt hat.

Dass man sich trotzdem nicht mit ihm identifiziert, mag aber daran liegen, dass der "Tatort" eben nicht buchstäblich aus den Augen des Verdächtigen erzählt ist. Von der Kameraperspektive mutet er an wie ein klassischer "Tatort". Der Unterschied: Gregorowicz ist in den allermeisten Aufnahmen zu sehen. Es gibt aber auch Szenen, in denen seine Frau allein mit der gemeinsamen Tochter oder einem Ermittler spricht. Dadurch erscheint der Perspektivwechsel nicht wirklich stringent - vielleicht wird ihn so mancher gar nicht bemerken.

Auch Schauspieler Felix Klare hätte in der Hinsicht mehr erwartet, wie er im ARD-Presseheft sagt. Zwar habe er die Folge erst einmal gesehen, heißt es darin. "Allerdings muss ich sagen, wenn es heißt "durch die Brille des Verdächtigen", ich mir auch wirklich dies mehr erhofft habe - sprich, dass wir Kommissare in unseren wirklich langen, zum Teil penetranten, unsympathischen und emotional aufdringlichen Verhören, eben mehr aus der Sicht des Verdächtigen, also letztendlich mehr im Bilde gewesen wären."

Spannend ist der "Tatort" aber allemal. Denn obwohl der Zuschauer so dicht dran ist am Verdächtigen, der sich immer mehr in Lügen verstrickt, bleibt bis zum Ende die Frage: War er's oder war er's nicht?

Mitteilung vom Drehstart