Beeskow (dpa) - Doris Voll hat seit einigen Wochen eine kleine grün-weiße Plastikdose im Kühlschrank stehen. Der zehn Zentimeter hohe Behälter enthält jedoch nichts Essbares, sondern Dokumente wie ihren Impfpass und Medikamentenplan.

Dazu kommt ein Informationsblatt, das die 64-Jährige aus Sieversdorf (Oder-Spree) sorgfältig ausgefüllt hat: Allergien, Vorerkrankungen, Versicherungsnummer, Hausarzt, Kontaktdaten von Angehörigen. "Seit ich die Dose habe fühle ich mich sicherer", sagt die allein lebende Frau. "Sollte ich mal gesundheitlich in Not geraten, finden die Retter alle Informationen ohne langes Suchen", sagt Voll.

Dass eben sei ja auch der Sinn der Notfalldose, erzählt Hans-Christian Karbe, Vorsitzender des Kreisseniorenbeirates Oder-Spree, der sich seit dem Herbst für die kleine Dose und einen guten "Fundort" für sie stark macht. Auch wenn der Kühlschrank als ungewöhnlicher Ort erscheint - ihn findet jeder schnell.

"Über den Seniorenbeirat Großbeeren (Teltow-Fläming) hatte ich von der Notfalldose gehört. Der wiederum kannte sie aus Nordrhein-Westfalen", berichtet der Fürstenwalder (Oder-Spree). Er begann, für dieses Hilfsmittel über die Arbeiterwohlfahrt, in Gemeindevertretungen und sogar im Kreistag zu werben. Im Sozialamt des Landkreises in Beeskow, Fürstenwalde, Eisenhüttenstadt und Erkner sind die Dosen inzwischen zu bekommen, ebenso in der Fahrbibliothek Oder-Spree.

Karbe konnte auch Apotheker überzeugen, die Dose für wenige Euro zu verkaufen. Denn: "Da geht jeder irgendwann mal hin, so erreicht die Dose den Nutzer am besten", sagt er. In der Rathaus-Apotheke Fürstenwalde stehen die grün-weißen Behälter seit Januar neben einem großen Infoblatt direkt auf dem Verkaufstresen. "Alle Apotheken der Stadt hatten Anfang des Jahres eine Sammelbestellung gemacht, denn im Sinne der Patientensicherheit ist die Notfalldose richtig", sagt Apothekerin Ulrike Fitzke, die täglich mehrere davon zum Stückpreis von zwei Euro verkauft. "Ich bin überzeugt, dass sich dieses Hilfsmittel in der Bevölkerung durchsetzt", ergänzt sie. Kreisseniorenchef Karbe schätzt, dass im Landkreis Oder-Spree bereits rund 2000 Notfalldosen in den Kühlschränken stehen.

Die Idee sei grundsätzlich gut, allerdings müssten die Informationen auch stets gepflegt und auf dem neuesten Stand sein, gibt Ulrich Schwille, Leiter des Rettungsdienstes im Landkreis Oder-Spree, zu bedenken. "Wir wollen erst einmal Erfahrungen sammeln, bevor wir die Notfalldose weiter empfehlen", sagt der Mediziner. In den Notarzteinsätzen der vergangenen Wochen sei allerdings noch keine Dose bei Patienten entdeckt worden. Das Brandenburger Gesundheitsministerium begrüßt Hilfsmittel wie die Notfalldose vor allem für allein lebend ältere Menschen oder auch Mütter mit kleinen Kindern. "Ärzte und Rettungskräfte können aufgrund der Informationen schnell reagieren", sagt Ministeriumssprecherin Marina Ringel.

Diese wichtigen Angaben sollten jedoch auch auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert sein, gibt sie zu bedenken. "Wer weiß, wann die kommt und wo die der Patient im Notfall hat", winkt Karbe ab. "Der Rettungsdienst darf nicht in Schränken oder Taschen der Betroffenen suchen. Es sei denn, der Betroffene erlaubt es ausdrücklich." Oftmals sei der aber im Notfall dazu gar nicht in der Lage, erläutert er. Bei der Notfalldose sei hingegen klar, dass die im Kühlschrank stehe. Ein Aufkleber an der Innen-Eingangstür der Wohnung und am Kühlschrank mache die Retter darauf aufmerksam, sagt der Kreissenioren-Chef. Er betont, dass inzwischen auch im Landkreis Märkisch-Oderland sowie in Frankfurt (Oder) Apotheker und Seniorenbeiräte auf die Notfalldose aufmerksam geworden seien und für sie werben.

Steffen Hampel, Leiter des Gesundheitsamtes Märkisch-Oderland, sieht bisher keine Veranlassung, von Amts wegen mitzumischen. "So etwas kann man nicht von oben überstülpen. Entweder setzt sich die Dose durch, weil sie im Alltag tatsächlich praktisch ist oder eben nicht", sagt der Mediziner, an den noch kein Seniorenbeirat des Landkreises mit Bitte um Unterstützung heran getreten ist. Doris Voll hingegen würde die Notfalldose weiter empfehlen. Kann sie sich doch noch gut dran erinnern, dass sie vor Jahren schon einmal den Notarzt hatte rufen müssen. "Was die Mediziner einem in so einer Stress-Situation dann alles für Fragen stellen - die kann man in dem Moment gar nicht beantworten", sagt die 64-Jährige.

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