München (dpa/tmn) - Nachhaltigkeit ist vielen Verbrauchern wichtig. Doch selbst wer mit Liste passend einkauft und versucht, Lebensmittelabfälle weitestgehend zu vermeiden, schafft es nicht. Das liegt an der Natur der Sache: Der Strunk vieler Gemüsesorten zum Beispiel bleibt nun mal beim Zubereiten übrig.

Aber aus diesen Küchenresten kann man die Pflanze - quasi - wieder zum Leben erwecken. Die Pflanzenexpertin und Buchautorin Melissa Raupach aus München hat gemeinsam mit Felix Lill diesen Weg erkundet und ein Buch mit dem Titel "Regrow your veggies" geschrieben.

Was ist Regrowing?

Melissa Raupach: Regrowing heißt Nachwachsen lassen. Also etwas Bestehendem, etwa einem Salatstrunk, der im Müll landen würde, neues Leben zu schenken. Das Zauberwort dafür ist aber die vegetative Vermehrung.

Wieso gelingt diese ungeschlechtliche Vermehrung?

Raupach: Pflanzenzellen sind in gewissem Maße in der Lage, ihre eigentliche Aufgabe zu vergessen und sich in junge, teilungsfähige Zellstrukturen zurückzuentwickeln. Dieser Prozess wird Dedifferenzierung genannt. Die daraus entstehenden Zellen sind totipotent. Das heißt, es kann theoretisch aus jeder Zelle noch alles werden. So kann beispielsweise ein Basilikum-Steckling am eigentlichen Spross neue Wurzeln entwickeln, und es bildet sich eine neue Basilikumpflanze. Was viele daran spannend finden, ist, dass die Pflanze ein Klon der Mutterpflanze ist - und somit über das gleiche genetische Material wie die Mutterpflanze verfügt.

Mit welchem Gemüse klappt das am besten?

Raupach: Wirklich, wirklich toll und vor allem relativ fix klappt es mit Lauchzwiebeln. Das würde ich für die Starter empfehlen oder wenn man mit Kindern das Regrowing ausprobieren möchte. Da ist die Erfolgsgarantie am höchsten, und man sieht auch relativ schnell, dass etwas Neues wächst. Lauch und Romana-Salat sind weitere Pflanzen, die man prima als Einsteigermodell ausprobieren kann.

Wie vermehre ich die Lauchzwiebel?

Raupach: Nach dem Schneiden der Lauchzwiebel gibt man in der Regel den letzten Rest mit den Wurzeln in den Müll. Beim Regrowing schneidet man den Strunk etwas großzügiger ab, er sollte mindestens fünf Zentimeter lang sein. Ich setze ihn nun in ein Glas Wasser, das ich regelmäßig wechsle. Sonst riecht es auch schnell und man bekommt ein Fäulnisproblem. Nach einigen Tagen wird man vielleicht schon sehen, dass der Strunk anfängt, neu auszutreiben. Nun kann man ihn in einen Topf mit Pflanzenerde setzen, regelmäßig gießen und ihm einen hellen Standort geben. Und dann kann man dem Lauch förmlich dabei zusehen, wie er neu sprießt und wächst.

Klappt das nur mit Pflanzen, die bei uns im Garten wachsen, oder auch mit den Exoten?

Raupach: Man kann das auch mit den exotischeren Pflanzen machen, zum Beispiel mit der Ananas. Auch da nimmt man den Strunk, der normalerweise im Müll landen würde, und gibt ihn erst mal in Wasser, bis er wurzelt. Dann einpflanzen. Aber um Früchte zu ziehen, muss man schon sehr geduldig sein und auch optimale Standortbedingungen bieten können, also zum Beispiel einen Wintergarten, wo es das ganze Jahr über konstant warm ist. Dort kann es klappen. Aber letztlich ist das Tolle am Regrowing - was ich auch gerade gut finde -, dass man so auch einfach eine schicke Zimmerpflanze gewinnen kann. Sie kann ein Geschenk sein - aus etwas, was man sonst in den Müll werfen würde.

Literatur:

Melissa Raupach und Felix Lill, Regrow your veggies - Gemüsereste endlos nachwachsen lassen, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 2018, 128 S., 14,95 Euro, ISBN: 978-3-8186-0534-6.

   

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