Paris (dpa) – Eine mit Schnee bedeckte Stadtlandschaft, ein Appartement in einem grauen Wohnblock in St. Petersburg: Bereits die ersten Szenen werden von einer eiskalten Stimmung durchweht. In "Loveless" beschreibt Andrej Swjaginzew das Leben von Boris und Zhenya, deren Ehe vor dem Aus steht.

Ihre Liebe, sofern sie es jemals gegeben hat, ist in offenen Hass umgeschlagen. Beide stecken bereits in neuen Beziehungen und wollen so schnell wie möglich die gemeinsame Wohnung verkaufen. An ihren gemeinsamen Sohn, der beide nur zu stören scheint, denkt das Paar nicht. Bis der zwölfjährige Alyosha eines Tages plötzlich verschwindet.  

Mit "Loveless" wirft der russische Regisseur erneut einen Blick in die tiefen Abgründe der Welt. Doch während der 54-Jährige in seinem vorigen mehrfach preisgekrönten "Leviathan" die institutionelle Korruption in Russland anprangerte, hat er diesmal ein bitteres Familiendrama gedreht. Der Film wurde 2017 in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet und war kürzlich als russischer Beitrag für den Auslands-Oscar nominiert.

Boris hat seine junge Freundin Masha geschwängert und wird bald Vater. Zhenya ist mit dem älteren und wohlhabenden Anton liiert. Für die Wohnung ist ein potenzieller Käufer gefunden. Nur mit ihrem gemeinsamen Sohn wissen sie nicht wohin. Keiner der beiden will Alyosha haben, der unter ihrem gnadenlosen Zweikampf leidet.

Alyosha ist ein zartes Kind. In dem Film taucht er nur selten auf. Einmal ist er zu sehen, wie er sich mit Rotz und Tränen im Gesicht hinter der Badezimmertür versteckt, ein anderes mal starrt er aus dem Fenster seines Zimmers und weint bitterlich. Eine seiner letzten Szenen zeigt ihn, wie er gesenkten Hauptes am Küchentisch sitzt und sein Frühstück nicht essen will. Noch eine letzte Einstellung, wie Alyosha verzweifelt das Treppenhaus hinunterrennt und spurlos verschwindet.

Swjaginzew bleibt dem Titel des Films gnadenlos treu. Je länger die Suche nach Alyosha dauert, desto bedrückender wird die Stimmung, denn die egomanischen Eltern bringen ihrem vermissten Sohn immer mehr Ablehnung entgegen. In einem Rückblick auf ihr Leben offenbart Zhenya, dass Alyosha ein unerwünschtes Kind ist, dass sie Boris nie geliebt hat. Dabei erfährt der Zuschauer auch, dass Zhenya selbst eine Kindheit ohne Liebe hatte. Und Boris? Der ist mit Gedanken schon längst bei seiner zukünftigen Familie und macht sich mehr Sorgen um die Probleme, die ihm seine Scheidung im Betrieb bereiten könnte, die im christlich-fundamentalistischen Geist geleitet wird.

Swjaginzews Blick auf die Abgründe einer Familie wird zunehmend zu einer finsteren Parabel über Russland. Zhenyas Handywahn steht für die verarmte Kommunikation, ihre Fitnessbesessenheit für Körperkult und der orthodoxe Chef von Boris für die rückwärtsgewandte Kirche, die einem vom Materialismus ausgelösten Werteverfall gegenübersteht.

Auch die Polizei bekommt ihr Fett ab, wenn sie als Teil eines korrumpierten und maroden Staatssystems dargestellt wird. Nur die freiwilligen Helfer, vor allem der Leiter, der ohne Bezahlung alles dran setzt, um den Jungen zu finden, sind Hoffnungsstrahlen am eiskalten Horizont einer Welt ohne Liebe.

Er sei kein politischer Filmemacher, er beschreibe nur, was er sehe und beobachte, sagte Swjaginzew nach der Premiere von "Loveless" in Cannes. Und diese Probleme, die er in seinen Filmen behandle, seien universell. Die Bilder, die die Kamera einfängt, sind melancholisch und von derselben bedrückenden Wucht wie der Inhalt. Ein Film, mit dem Swjaginzew erneut bewiesen hat, dass er ein Meister des Films und der Illusionslosigkeit ist.

Loveless