Aktuelle politische Themen im Hamburger Schauspielhaus
Unterwerfung, Schiff der Träume und Geächtet: Mit Stücken zu aktuellen politischen Themen kann das Hamburger Schauspielhaus stark punkten. Diesen Kurs will Intendantin Karin Beier auch in der kommenden Saison fortsetzen.
Hamburg (dpa) - Flüchtlinge, Integration, Wertediskussion: Die Intendantin des Hamburger Schauspielhauses, Karin Beier, setzt auch in der kommenden Spielzeit auf aktuelle, brisante Theaterstoffe.
Ich habe das Gefühl, dass die Gesellschaft zur Zeit politisiert ist und daher auch anders auf ihre Stadttheater blickt und das Publikum dankbar dafür ist, dass wir Themen, die jetzt sehr viel diskutiert werden, auch auf der Bühne diskutieren, sagte Beier am Freitag in Hamburg. Zur Eröffnung ihrer vierten Spielzeit wird die Intendantin am 17. September Hysteria - Gespenster der Freiheit frei nach Luis Buñuel inszenieren - ein Stück über eine Gesellschaft in Angst.
Unser aller Untergang scheint längst ausgemacht, schuldig sind wahlweise der Finanzkapitalismus, Google, die syrischen Geflüchteten, der islamistische Terror, die Lügenpresse, Putin oder Populisten von der AfD, sagte die Intendantin. Sie habe Angst, dass diese Hysterie zur großen Gefahr werden könne.
In der laufenden Spielzeit kann das Schauspielhaus mit aktuellen Themen stark punkten: So sind die Vorstellungen von Unterwerfung nach dem umstrittenen Roman von Michel Houellebecq mit Edgar Selge ausverkauft. Auch die Theaterstücke Schiff der Träume und Geächtet von Ayad Akhtar beschäftigen sich mit politischen Themen. Da hat uns die Realität teilweise eingeholt, sagte Beier.
In der kommenden Spielzeit werde man daher weiterhin viele Uraufführungen riskieren. So entwickelt René Pollesch ein neues Stück über Überforderung unter dem Titel Ich kann nicht mehr, Schorsch Kamerun zeigt eine Oper zum Weglaufen, und Karin Beier inszeniert die deutschsprachige Erstaufführung von The Who and the What, Ayad Akhtars vieldiskutiertes Stück über eine junge pakistanische Frau, die ein Buch über den Propheten schreibt und damit ihre muslimische Familie gegen sich aufbringt. Das Künstler-Duo Gintersdorfer/Klaßen zeigt mit Der Allmächtige Baumeister aller Welten ein Stück über Geheimgesellschaften mit Schauspielern von der Elfenbeinküste.
Karin Henkel setzt ihre Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus fort und zeigt Eugene O'Neills berührendes Psychodrama Eines langen Tages Reise in die Nacht. Der Schweizer Regisseur Christoph Marthaler inszeniert frei nach Maxim Gorki Sommergäste mit Menschen, die unfähig sind, die politischen Zeichen der Zeit zu erkennen. Die Londoner Regisseurin Katie Mitchell ist mit einer radikalen Version von Sarah Kanes Psychodrama 4.48 Psychose dabei.
Erstmals am Schauspielhaus wird Michael Thalheimer inszenieren - und zwar Kleists Komödie Der zerbrochne Krug. Ingrid Lausund stellt mit ihrem neuen Stück die großen Fragen nach unserer Sterblichkeit und dem Verlangen nach Unsterblichkeit, Herbert Fritsch zeigt eine komische Oper inspiriert von Karl Valentin. Im Malersaal präsentieren Rimini Protokoll Human Brain Projects über Versuche, das menschliche Gehirn digital nachzubauen, Victor Bodo zeigt Der Mantel, die Nase und andere Gemeinheiten nach Nikolaj Gogol und Sebastian Kreyer Versuch über die Pubertät nach dem Roman von Hubert Fichte.