Hannover (dpa) l Omas Tagebuch, alte Briefe, Urkunden oder Poesiealben sind oft in Sütterlin-Schrift verfasst. Doch die altdeutsche Schrift kann heutzutage kaum jemand lesen. Deshalb bietet die Jakobi-Kirchengemeinde in Hannover einmal im Monat eine Sütterlin-Sprechstunde an. Interessierte können ihre Briefe und Dokumente mitbringen und von Schriftkundigen entziffern lassen.

Lenchen Wulff hält einen Brief ihrer Großeltern an ihren Vater in der Hand – geschrieben in Sütterlin-Schrift am 13. März 1945. "Wir haben den Brief nach dem Tod meiner Mutter in ihren Unterlagen gefunden. Nun möchte ich gern wissen, was drin steht", sagt die Hannoveranerin und ist zur Sütterlin-Sprechstunde gekommen. Bruno Michaelis kann die Schrift lesen und entziffert den Brief für die Frau.

Jede Handschrift sei anders, das sei manchmal sehr schwierig, sagt Michaelis. "Urkunden vom Standesamt hingegen sind sehr gut zu lesen, da diese in Schönschrift verfasst wurden", erklärt er. Seine Mutter habe ihre Briefe an ihn immer in Sütterlin geschrieben. Er habe sich die Schrift selbst beigebracht. Für kurze Zeit hatte Michaelis in den sechziger Jahren Sütterlin auch in der Schule gelernt.

Der Grafiker Ludwig Sütterlin hatte 1911 im Auftrag des preußischen Kultusministeriums aus der bis dahin gebräuchlichen Deutschen Kurrentschrift eine neue Variante entwickelt. "Die Entwicklung erfolgte schrittweise, 1914 wurde beschlossen, dass die Sütterlin-Schrift eingeführt wird", erklärt Prof. Peter Schlobinski, Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache sowie Professor für Germanistische Linguistik an der Leibniz-Universität Hannover. Die Schrift wurde zunächst in Preußen eingeführt, dann auch in anderen deutschen Ländern.

Schreiben ging leichter

Die deutsche Kurrentschrift, die eckiger als Sütterlin war, wurde mit einer Stahlfeder geschrieben. "Kurrent war grundsätzlich sehr schwer zu schreiben, für Kinder erst recht", sagt Schlobinski. Deshalb hatte Ludwig Sütterlin, der von 1865 bis 1917 lebte, eine Schriftvariante entwickelt, die möglichst einfach zu lernen war. "Das Material, mit dem geschrieben wurde, hat dabei eine große Bedeutung", betont Schlobinski. Mit Einführung der Sütterlin-Schrift schrieben die Kinder mit einer Gleichzugfeder. Das Schreiben mit dieser neuen Feder ging leicht von der Hand.

1941 wurde die Sütterlin-Schrift von den Nationalsozialisten von einem Tag auf den anderen verboten. "Hitler hatte entschieden, dass die lateinische Schrift eingeführt wird", sagt Schlobinski. 1941/42 erfolgte die Umstellung. "Das war ein ziemlich heftiger Bruch, auch der Buchdruck wurde geändert", erläutert der Professor. Die Eltern schrieben in Sütterlin, die Kinder von sofort an in lateinischer Schrift. Nach 1945 wurde die Sütterlin-Schrift zusätzlich zur lateinischen Ausgangsschrift wieder teilweise an den Schulen gelehrt - aber nur für kurze Zeit.

Um alte Kirchenbücher lesen zu können, hat sich Oliver Meyer mit Sütterlin beschäftigt. Er betreibt mit Begeisterung Ahnenforschung und ist mit seiner Familiengeschichte bereits im Jahr 1720 angekommen. "Mein Vater ist früh gestorben, da war ich 15 Jahre alt", sagt Meyer, der bei der Sütterlin-Sprechstunde mit anderen Teilnehmern fachsimpelt. Er wolle wissen, woher er stamme und etwas über die Geschichte seiner Vorfahren erfahren. Es gebe ja immer weniger Zeitzeugen.

Aus einem ganz anderen Grund sind Christiane Schilling und Karin Bockhorst gekommen. Eine Liste über eine Sammlung von Vogeleiern im Niedersächsischen Landesmuseum in Hannover hat die beiden Biologinnen zur Sütterlin-Sprechstunde gebracht. Sie möchten alte ökologische Daten nutzen, können aber die Schrift nicht lesen. "Ein Mann hat von 1904 bis 1937 Vogeleier gesammelt und die Fundorte sowie weitere Daten wie die Anzahl der Eier im Nest genau notiert", erklärt Schilling. Nun möchten die Biologinnen die alten Aufzeichnungen mit den heutigen Erfahrungen vergleichen und lassen sich die Daten übersetzen.

Etliche Briefe, darunter auch den letzten Brief seines Vaters, hat ein Hannoveraner im Kleiderschrank seiner verstorbenen Mutter entdeckt. Der Brief wurde am 4. April 1942 geschrieben – in Sütterlin. Der Vater war im Zweiten Weltkrieg Pilot und wurde abgeschossen. Für den Sohn hat das Schreiben eine große Bedeutung, deshalb möchte er gern wissen, was der Vater kurz vor seinem Tod noch verfasst hat.

"Uns ist wichtig, dass es einen Austausch gibt", sagt Sabine Wedekind vom Kirchenvorstand der Jakobi-Kirchengemeinde, die die Sütterlin-Abende leitet. Ziel sei die Wiederbelebung und Wahrung alter Kulturtechniken. Und neben interessanten Gesprächen erfahren einige Besucher auch noch etwas über ihre Familiengeschichte.