Literatur

Als Maos Kopf heiß lief

Als weltberühmter Dichter erinnert sich Bei Dao an Kindheit und Jugend in Peking in schwierigen Zeiten. So stark seine Lyrik ist – seine Autobiographie der jungen Jahre ist uneinheitlich und nicht stilsicher.

Von Uwe Kreißig 01.06.2022, 12:32
Kinder und Jugendliche bilden auf Maos Geheiß ab 1965 die „Roten Garden“. Bald terrorisieren sie ganz China, ohne sich irgendeiner Schuld bewusst zu sein: Es geht um den großen gesellschaftlichen Umbau, das unendliche Glück für alle –  ohne Rücksicht auf Verluste.
Kinder und Jugendliche bilden auf Maos Geheiß ab 1965 die „Roten Garden“. Bald terrorisieren sie ganz China, ohne sich irgendeiner Schuld bewusst zu sein: Es geht um den großen gesellschaftlichen Umbau, das unendliche Glück für alle – ohne Rücksicht auf Verluste. Foto: Imago

Wenn große Dichter ihre Biographie verfassen, kann man fast immer davon ausgehen, dass es windschiefe Stellen gibt. Wenn es sich um die Zeiten von Kindheit und Jugend handelt, wird es meistens noch problematischer.

In Bei Daos Erinnerungen „Das Stadttor geht auf“ verwundert zunächst der schlichte Stil, der stellenweise an einem Schulaufsatz weit vor dem Abitur erinnert. Ohne Bruch wechselt der Autor dann wieder in eine gehobene Dichtersprache. Ob dies ein Übersetzungsproblem darstellt oder Dao (Jahrgang 1949) die Gedankenwelt eines naiven Schülers mit der Sichtweise des erfolgreichen Schriftstellers verknüpfen will, bleibt unklar.

Das Buch ist in erster Linie eine große soziokulturelle Erinnerung an die Zeit der beiden verheerenden Initiativen von Chinas Diktator Mao. Der Autor ist ein kleiner Junge, als die Folgen des „Großen Sprungs nach vorn“, der von 1958 bis 1962 läuft, allmählich nach Peking vordringen. Schätzungen zufolge werden bis zu 55 Millionen Chinesen in dieser Zeit verhungern. Aus einem vormals einfachen, aber nicht unglücklichen Leben wird nun auch für die Stadtbevölkerung der Alltag zum Überlebenskampf.

Als Mao nach dem mörderischen Desaster seiner Instantindustrialisierung seinen Sturz in der Kommunistischen Partei fürchten muss, löst er 1966 die „Kulturrevolution“ aus. Bei Dao beschreibt nüchtern die schrecklichen Folgen, als die „Roten Garden“ – die sich aus Kindern, Jugendlichen, Lehrlingen und Studenten rekrutieren – die chinesische Bevölkerung auf Geheiß des Großen Führers mit Umerziehung, Terror und Mord traktieren. „All die große Gewalt, die diese Revolution freigab, einschließlich der blutigen Gewalt, kam von uns Kindern“, so Bei Dao.

Der falsche Zauber beruht auf Maos Ideologie: „Er lässt die Münder ausdorren, legt die Zungen trocken, veranlasst die Kehle zu qualmen und lässt das Herz sich elend fühlen“, so Dao.

Auch er beteiligt sich an Misshandlungen. Die Drangsalierten sind Opfer von Verleumdungen, weil sie alt sind (und damit irgendwie mit der schlechten kaiserlichen Zeit in Verbindung stehen) oder den falschen Beruf haben. Besonders gefährdet sind auf einmal Lehrer und Professoren. „Beliebt“ ist ihre öffentliche Vorführung auf Plätzen oder auf Lkw, wo man sie für ihre Sünden beschimpft und schlägt.

Mit dem Trick der Kulturrevolution gelingt es Mao tatsächlich, seine Macht zu retten und zu vergrößern. Innerparteiliche Gegner und Kritiker der Führungsspitze werden ausgeschaltet oder in der Tiefe des Landes verbannt. Der spätere Staatschef Deng Xiaoping zählt zu letzteren. In der Kulturrevolution gibt es noch einmal 20 Millionen Todesopfer.

Die Mitglieder der Roten Garden verstehen nichts von den Hintergründen. Erst als Mao 1976 stirbt, kann Deng Xiaoping den Wahnsinn endgültig stoppen. „Maos Hirn ist damals heißgelaufen. Unsere Köpfe aber auch. Keiner hat ihm widersprochen, auch ich nicht“, wird Deng Jahre später selbstkritisch schreiben.

Manches im Buch wirkt merkwürdig. Dass seine Eltern ihn in Dänemark und den USA schon in den Neunzigerjahren besuchen können – zu einer Zeit, in der praktisch kein Chinese Urlaub im Westen machen konnte – lassen am großen Dissidenten-Status von Bei Dao zumindest Zweifel aufkommen.

Dao fasst zusammen: „Die Kinder sollten wieder um den Wechsel der Jahreszeiten wissen, die Einwohner wieder ein Gefühl der Orientierung im Herzen tragen. So öffne ich denn das Stadttor und heiße die Dahintreibenden der vier Meere willkommen, heiße die einsamen Seelen willkommen, die kein Heim mehr haben, heiße alle neugierigen Reisenden willkommen.“

Bei Dao
Bei Dao
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