Los Angeles l Vor 35 Jahren erschien in den USA der kurz gehaltene Roman "Unter Null" eines Newcomers mit einem cool klingenden Autorennamen: Bret Easton Ellis. 1987 folgte die deutsche Ausgabe im Rowohlt-Verlag, deren Lektoren und Agenten damals ein untrügliches Gespür für kommerziell verwertbare Autorentalente auszeichnete, die den Zeitgeist in die rechte Sprache setzten.

Der Plot von „Unter Null“ erscheint weniger spektakulär, als es sich im Buch schließlich darstellt: Clay und seine reichen, jungen, schönen wie falschen Freunde vertreiben sich im Los Angeles der 80er Jahre die Zeit mit Drogen, Alkohol und Partys, wobei letztere immer mehr in Irrsinn und Gewalt versinken. Die Sinnlosigkeit ihres Daseins ahnend, findet dennoch keiner den Ausstieg aus der Spirale, die sich unaufhaltsam nach unten dreht.

Schon im Debüt erkundet Ellis seine Lebensthemen, mit deren Literarisierung er in kurzer Zeit selbst eine Celebrity unter den Schriftstellern werden sollte. Bei den Studenten der amerikanischen Universitäten und der „Creative-Writing-Kurse“ gilt „Unter Null“ bis heute als Kultbuch; die freie, unverstellte Sprache ist wohl die naheliegende Ursache.

Gewalt hat Hochkonjunktur

Der Erstling war eine Replik auf Amerikas allgegenwärtige Gewaltverherrlichung, an deren medialer Verbreitung Hollywood und die amerikanische Fernsehserienindustrie aus kommerziellen Motiven ihren Anteil haben und deren Umdrehungszahl bis heute im Netflix-Zeitalter ansteigt. Die verheerende Formel, mit Gewalt –und damit in der Konsequenz auch Krieg – pauperistische, religiöse oder persönliche Differenzen und Ängste aufzulösen, hat längst eine Hochkonjunktur auf allen Kontinenten.

Größter Jünger von Ellis in Europa wurde der französische Autor Michel Houellebecq, der über den Niedergang des „Westens“ genau so strikt schreibt wie sein Vorbild Ellis. Die Struktur ihrer Bücher, die totale Schärfe ihrer Beschreibungen und die Illusionslosigkeit über das Leben eint beide Autoren, ebenso die Härte der Kritik, deren Ursache leicht belegbar ist: Sie beschreiben die Wirklichkeit über gesellschaftliche Themen, aber in politisch unkorrekter Form. Das ging eine Weile gut, heute ist dies im immer korrekten Feuilleton weitestgehend verpönt.

Die Hollywood-Verfilmung von „Unter Null“ aus dem Jahr 1987 mit Jamie Gertz, Andrew McCarthy, Robert Downey Jr. und James Spader in den Hauptrollen ist keineswegs schwächer geraten als die Vorlage. Für die Filmindustrie blieb Ellis in der Folge als Storylieferant erhalten. Als sich die erste Aufregung gelegt hatte, fand sogar sein Skandalwerk „American Psycho“ (welcher Vertrag würde sich heute noch eine solche Veröffentlichung trauen) eine filmische Adaption Made in Hollywood, in dessen Nachbarschaft Ellis seit vielen Jahren lebt.

Bret Easton Ellis (Jahrgang 1964) gleitet in seinem Buch über die endlosen Oberflächen unseres verwestlichten Lebens, beschreibt aber im Gegensatz zum Kitschautor, welche Abgründe unter diesem spiegelnden Überzug sieden. Das ist meistens näher an der Realität dran als so manches spekultativ gehaltene Sachbuch. Die wahre Geschichte vom Teufelsgeiger David Garrett, der sich als Schönling und Multimillionär nach getaner Tournee im Luxusapartment langweilt, eine heimliche Affäre mit einer Porno-Darstellerin beginnt und bald von ihr „wegen seelischer Grausamkeit“ auf Millionen von Dollar verklagt wird und um seine Karriere fürchten musste, könnte direkt am Schreibttisch von Bret Easton Ellis entstanden sein.

Roehler als einziger Stellvertreter

Auch in Deutschland gab es eine Reihe von Autoren, die versuchten, sich an Ellis, seine Themen und seinen Erfolg anzuhängen. Benjamin von Stuckrad-Barre, Joachim Lottmann oder Moritz Uslar hießen die Epigonen, von denen es freilich keiner vermochte, an die enorme literarische Substanz von Ellis anzuknüpfen.

Lediglich Oskar Roehler kann als legitimer, deutschsprachiger Stellvertreter gelten. Er beschrieb gegenüber „Deutschlandfunk Kultur“ auch das Dilemma, vor dem junge Autoren stehen, die über ihr Wissen und ihre Erfahrungen hinaus gehen wollen: „Du brauchst ja eine gewisse Lebenserfahrung, um so ein Buch zu schreiben. Bevor du so einen gewissen von der Moral diktierten Nihilismus loslässt auf die Menschheit, musst du eine Unsumme an schlechten Erfahrungen gemacht haben.“

Auch Ellis hat für seinen Ruhm bezahlen müssen, aber betrachtet diesen Zustand nüchtern: „Bret Easton Ellis existiert in Magazinen und Zeitungen. Wenn die Leute Fotos von mir sehen, sehen sie Bret Easton Ellis, der wirklich nicht ich bin ... Prominent sein ist ein bisschen wie sterben“, sagte er schon 1999 in einem Gespräch mit der „Zeit“.

„Aber die Gesellschaft ist verlogen, ist verrottet, ist verloren – am Ende hält man sich an die Regeln und geht doch leer aus“, zieht er Bilanz. Die Leere, die Angst und die Gier, das waren schon vor 35 Jahren die Themen aus „Unter Null“: Sie sind die Wahrheit dieser Gesellschaft geblieben.