Berlin (dpa) l Der „Spiegel“-Autor Volker Weidermann, Gastgeber des aktuellen „Literarischen Quartetts“ und damit Nachfolger von Reich-Ranicki, hat die Geschichte und Geschichten von Grass und Reich-Ranicki in seinem neuen Buch „Das Duell“ aufgeschrieben. Dabei lässt Weidermann über weite Strecken des Buches noch einmal beider Lebensläufe Revue passieren, die in dieser geglückten Collagentechnik auch äußerst lebendig jüngere deutsche Geschichte widerspiegeln.

Der in Polen 1920 geborene, in Berlin zur Schule gegangene, 1938 ausgewiesene und in den 50er Jahren in die Bundesrepublik gegangene Thomas-Mann-Verehrer Reich-Ranicki war Überlebender des Warschauer Ghettos. Der in Danzig 1927 geborene jugendliche NS-Anhänger und „Hitlerjunge“ Grass, der bis zum Schluss an Hitlers „Endsieg“ glaubte, wurde noch in den letzten Kriegstagen als 17-Jähriger Angehöriger der Waffen-SS, was erst 2006 durch sein Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ öffentlich wurde.

"Das Duell" ist dichte Zeitchronik

Beider Geschichten wurden schon längst ausführlich erzählt, lesen sich aber in Weidermanns Zusammen- und Gegenüberstellung als dichte Zeitchronik in lebendiger Form, wenn auch manchmal nicht ohne dichterische Freiheiten bei atmosphärischen Schilderungen oder mit Pathos. Weidermanns Buch ist auch ein literarischer Spaziergang durch die wechselvolle Werkgeschichte des Literaturnobelpreisträgers, wobei er bemerkenswerterweise „Das Tagebuch einer Schnecke“ als das „autobiografischste Buch“ von Grass bezeichnet, mehr noch als „Beim Häuten der Zwiebel“, weil es unter anderem die Wahlkampfauftritte des Schriftstellers in Erinnerung ruft und weil es auch die Geschichte der Danziger Juden in der NS-Zeit und ihr Verschwinden schildert.

Die seltsame „Hassliebe“ zwischen Autor und Kritiker beginnt mit Reich-Ranickis Ablehnung der 1959 als sensationell aufgenommenen „Blechtrommel“ als „Schaumschlägereien“ auf einer „Trommel aus Blech“. Das Buch sei kein guter Roman.

Eine Hassliebe zwischen den Männern

Die „Hassliebe“ findet ihren Höhepunkt im Verriss der Treuhand-Fontane-Parabel als Roman eines deutschen Jahrhunderts, „Ein weites Feld“ 1995, wo Reich-Ranicki allerdings, anders als bei der „Blechtrommel“, zur Mehrheit der kritischen Stimmen gehörte. Auch dürfte Ranicki die „Verballhornung“ seines literarischen „Hausheiligen“ Theodor Fontane durch Grass, durchaus auch ein Fontane-Verehrer, missfallen haben.

In seiner „Blechtrommel“-Kritik vom Januar 1960, die er später teilweise revidieren wird, wurde schon Reich-Ranickis Neigung deutlich, dem Schriftsteller mit einer Rezension auch „gute Ratschläge“ zu geben und am Beispiel bestimmter Stellen zu zeigen, wie man ein besseres Buch schreibt. Mit seiner Autobiografie „Mein Leben“ gelang Reich-Ranicki ein Bestseller, die nochmal nachzulesen Weidermanns Buch wieder neugierig macht, erst recht für die inzwischen nachgewachsene Lesergeneration.