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Hektor HaarkötterEine sinnliche Reise durch die Welt des Küssens

Vom „hellklatschenden Herzenskuss“ bis zum „ekelhaften Schmatz“: Ein neues Buch erzählt vom Siegeszug des Küssens.

Von Sibylle Peine, dpa 01.02.2024, 11:41
Hektor Haarkötters Reise durch die Welt des Küssens ist sinnlich, lehrreich und voller Überraschungen.
Hektor Haarkötters Reise durch die Welt des Küssens ist sinnlich, lehrreich und voller Überraschungen. --/S. FISCHER Verlage/dpa

Berlin - Es ist noch gar nicht so lange her, da ist ein Kuss zum Skandal geworden. Der Kuss, den der Fußballfunktionär Luis Rubiales der spanischen WM-Weltmeisterin Jennifer Hermoso vor den Fernsehkameras der Welt auf den Mund drückte, wurde zum Sinnbild männlicher Übergriffigkeit und Anmaßung. Für den Kommunikationswissenschaftler Hektor Haarkötter allerdings ist solch ein unappetitlicher Überfall kein echter Kuss: „Küssen kommt nur zustande in voller Symmetrie.“

Haarkötter muss es wissen, denn er hat ein ganzes Buch über das Küssen geschrieben, in dem er diese ganz besondere Kommunikationsart einer biologischen, kulturhistorischen und soziologischen Analyse unterzieht. Seine Reise durch die Welt des Küssens ist sinnlich, lehrreich und voller Überraschungen.

Eines kann man gleich sagen: Ein Skandal à la Rubiales ist die Ausnahme. Einvernehmliches Küssen in aller Öffentlichkeit löst zumindest in westlichen Ländern in der Regel keine Empörungswellen mehr aus. Auch in Film oder Kunst sind die Zeiten moralischer Entrüstung über einen Kuss lange vorbei. 1896 dagegen trieb der erste schmachtende Filmkuss der Geschichte dem Publikum noch die Schamesröte ins Gesicht und löste moralinsaure Kritiken aus. Und wie anzüglich und frivol muss das Bild „Der heimliche Kuss“ des Rokokomalers Fragonard noch auf die Zeitgenossen gewirkt haben!

Was Sigmund Freud über das Küssen sagt

Auch die Wissenschaft hat sich immer wieder mit Leidenschaft dem Küssen gewidmet. Allerdings mit maximal unromantischen Erkenntnissen. Auf die Spitze trieb es dabei Sigmund Freud, der das Küssen als Berühren „der beiderseitigen Lippenschleimhaut“ am „Eingang zum Verdauungskanal“ bezeichnete. Danach würde man das Küssen am liebsten gleich einstellen.

Auch nicht gerade lustvoll ist die Klassifizierung des Küssens nach Lautstärke und Feuchtigkeit, die der Mechaniker und Erfinder Wolfgang von Kempelen im 18. Jahrhundert vornahm. Er unterschied zwischen dem „freundschaftlich hellklatschenden Herzenskuss“, dem „leisen Küssen“ und dem „ekelhaften Schmatz“, bei dem nicht selten ein nasser Fleck zurückbleibe. Wahrscheinlich handelte es sich bei dem Rubiales-Kuss um letzteren Typ.

Bekanntlich wird nicht überall auf der Welt geküsst. Alles in allem ist das Küssen eher in den nördlichen Weltregionen verbreitet, kommt dagegen „in der Sub-Sahara-Region oder am Amazonas praktisch überhaupt nicht“ vor, wie es in Haarkötters Buch heißt. Ganz besonders beliebt war das Küssen schon immer im indoeuropäischen Sprach- und Kulturraum, allerdings war es anfangs nicht sexuell-romantischer, sondern zeremonieller Natur.

Wer küsst wen und warum?

Begrüßungsküsse unter Gleichen gab es schon im alten Persien. Die Griechen waren eher kussfaul, bei den Römern dagegen wurde das Knutschen geradezu zur Manie. Die frühen Christen brachten das nicht-hierarchische Küssen in Mode, doch diese empörend egalitäre Anwandlung wurde von der etablierten Kirche schnell wieder einkassiert. Fortan küsste man huldvoll von oben nach unten. Das Küssen von Mund zu Mund wurde schon im Mittelalter ganz verboten. Man durfte aber weiter dem Papst die Füße küssen.

Das zeremonielle Küssen blieb in Russland länger in Mode als im Westen. Daraus entstand schließlich der berühmte kommunistische Bruderkuss. Ein besonders berüchtigter Küsser, schreibt der Autor, war Leonid Breschnew. Einer seiner legendären Küsse mit dem DDR-Staatschef Erich Honecker aus dem Jahr 1979 ist sogar zu einer Kunstikone geworden. Der französische Fotograf Régis Bossu hielt ihn für die Ewigkeit fest. Angeblich soll sich der Kubaner Fidel Castro diesem gefürchteten Begrüßungszeremoniell dadurch elegant entzogen haben, dass er mit einer dicken Zigarre im Mund dem Flieger entstieg.

Auch wenn der Autor manchmal etwas weit ausholt und ihm einige Kapitel vor allem zur Kommunikation des Küssens allzu theoretisch geraten sind, ist sein Buch doch insgesamt eine unterhaltsame und gewinnbringende Lektüre. Ob Bruderkuss, Filmkuss oder Bussi-Bussi-Show: Wer schon immer wissen wollte, warum und wie wir küssen, der wird hier bestens bedient.

Hektor Haarkötter: Küssen. Eine berührende Kommunikationsart, S. Fischer Verlag, Frankfurt a. Main, 288 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-10-397433-1