Sachbuch

Leben ohne Netz: „Working Class“

Wohlfeiler Applaus: In ihrem neuen Buch zeigt Julia Friedrichs, warum viele „Corona-Helden und -Heldinnen“ in Wahrheit die Verlierer der Gesellschaft sind.

Von Sibylle Peine, dpa
Das Cover des Buches "Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können" von Autorin Julia Friedrichs.
Das Cover des Buches "Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können" von Autorin Julia Friedrichs. Berlin Verlag/dpa

Berlin - Saits Tag beginnt um 6.30 Uhr. Dann fährt er mit seinem Putzwagen hinab in die Unterwelt Berlins und macht das weg, was Passagiere an Schmutz hinterlassen haben.

„Da muss ich kübeln, also die Mülleimer leeren. Dann muss ich die Treppen und die Ausgänge kontrollieren, Grundschmutz entfernen. Zigaretten und Laub. Danach arbeite ich mich Stück für Stück vor bis zur anderen Seite. Ich muss wischen, wenn es Flecken gibt, trockenen Urin, und wenn sich jemand übergeben hat.“ Nur 40 Minuten hat er für jede U-Bahn-Station. Eine eng getaktete, unangenehme, mies bezahlte Arbeit, für die er am Ende des Monats gerade einmal mit 1600 Euro brutto entlohnt wird. „Das ist kein Geld, das für die Rente reichen wird“, konstatiert er resigniert.

So wie Sait geht es Millionen von Menschen in Deutschland. Die Journalistin Julia Friedrichs fasst sie in ihrem neuen Buch unter dem Begriff „Working Class“ zusammen, da es keine angemessene deutsche Bezeichnung für sie gibt. Es handelt sich dabei nicht etwa um die klassische Arbeiterschicht, Fließbandarbeiter in der Fabrik, die in der Regel sogar tarifvertraglich gut abgesichert sind. Die heutige „Working Class“ ist vielmehr heterogen. Es sind Putzleute wie Sait, Paketboten und Lieferanten, Mitarbeiter in Callcentern oder Lagerarbeiter, aber auch studierte und gut qualifizierte Männer und Frauen, die als Soloselbstständige oder Honorarkräfte prekär arbeiten.

Ihnen allen ist gemein: Sie besitzen kein Vermögen, keine Immobilien, keine Aktien. Ihr Leben bestreiten sie allein aus ihrer (schlecht bezahlten) Arbeit. In der Regel haben sie keine Rücklagen für Notfälle. Sie gehören zur ärmeren Hälfte der Bevölkerung in Deutschland, die gerade einmal 1,4 Prozent des Gesamtvermögens besitzt.

Julia Friedrichs, die schon mehrere Bücher zum Thema Ungleichheit geschrieben hat („Gestatten: Elite“, „Wir Erben“), gibt dieser viel zu großen unsichtbaren Gruppe eine Stimme. Ein Jahr lang begleitet sie Sait, aber auch die freie Musiklehrerin Alexandra und ehemalige Karstadt-Mitarbeiter, die „abgewickelt“ wurden, durch ihr Leben. Ihre Recherche beginnt in der Zeit vor Corona und endet mitten in der Pandemie-Krise, die die verwundbaren Menschen ganz besonders trifft. So fallen für Alexandra, die freiberuflich für verschiedene Schulen arbeitet, plötzlich reihenweise Musikstunden aus. Es geht an ihre Existenz. Sie muss sich einen zusätzlichen Job suchen, der nichts mit ihrer ursprünglichen Qualifikation zu tun hat.

Ihre reportageartigen Porträts ordnet Friedrichs ein in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang, der inzwischen hinlänglich bekannt ist. In den letzten 30 Jahren wurde die untere Mittelschicht in den westlichen Industrieländern zum großen wirtschaftlichen Verlierer. Es gibt viele Studien und Daten dazu, etwa zu dem extremen Auseinanderdriften von Arm und Reich von dem amerikanischen Soziologen Branko Milanović.

Friedrichs veranschaulicht den Abstieg durch einen Rückblick in die 80er Jahre, das letzte Jahrzehnt der heilen Welt, wie es scheint. Die 1979 geborene Autorin schaut sich dazu alte Fernsehserien an wie „Ich heirate eine Familie“ oder „Lindenstraße“. Das dort propagierte Frauenbild empfindet sie als muffig, doch sie staunt über Haushalte, die mit nur einem Einkommen damals noch gut über die Runden kamen, und kleine Leute, die sich noch mitten in München eine Wohnung leisten konnten.

Auch die Mitarbeiter von Karstadt lebten im geschützten Kosmos einer Firma, die sich als große Familie verstand und die ihnen eine lebenslange Laufbahn versprach. Es gibt viele Gründe dafür, warum diese Welt ins Rutschen geriet. Friedrichs spricht sie an, es ist aber nicht der Schwerpunkt ihres Buchs. Das sind vielmehr die Menschen, die den Preis für diese Entwicklung zahlten, Männer und Frauen, die Tag für Tag harte Arbeit leisten, aber trotzdem keinerlei Sicherheit und Perspektive haben, die unorganisiert, vereinzelt und ohne Fürsprecher sind. Es sind die gleichen Menschen, die man erst als „Corona-Helden“ beklatschte, dann aber schnell wieder vergaß. Julia Friedrichs ist parteiisch und engagiert, aber nicht polemisch oder billig idealisierend. Deshalb ist sie eine exzellente Anwältin der „Working Class“.