Neues Buch Leïla Slimani: Ein furioses Finale der Familiensaga
Die Bestsellerautorin Leïla Slimani setzt einen bewegenden Schlusspunkt unter ihre große marokkanisch-französische Familientrilogie.

Berlin - Mias Vater gibt seiner Tochter einen wichtigen Rat fürs Leben mit auf den Weg, nämlich, sich niemals an die Heimat zu binden. „Komm nicht wieder“, empfiehlt er ihr. „Diese Sache mit den Wurzeln dient nur dazu, dich am Boden festzunageln, während die Vergangenheit, das Haus, die Dinge, die Erinnerungen unwichtig sind. Entfache einen großen Brand und trage das Feuer weiter.“
Über Identität und Fremde, Freiheit und Entwurzelung
„Trag das Feuer weiter“ ist auch der Titel des dritten und letzten Bandes von Leïla Slimanis großer Saga um die marokkanisch-französische Familie Belhaj-Daoud, die sich an Slimanis eigene Familiengeschichte anlehnt.
Die 1981 in Rabat geborene Autorin studierte und arbeitete in Frankreich und wurde 2016 schlagartig durch ihren verstörenden Thriller „Dann schlaf auch du“ (Originitaltitel: „Chanson douce“) berühmt, für den sie den prestigeträchtigsten französischen Literaturpreis Prix Goncourt erhielt. Auch ihre nachfolgenden Bücher wurden weltweit übersetzte Bestseller.
Die großen Themen ihrer Trilogie sind Identität und Fremde, Freiheit und Entwurzelung, die Zerrissenheit zwischen zwei Ländern und Kulturen, gespiegelt am Schicksal dreier Generationen in drei Epochen.
Diesmal geht es um Slimanis eigene Generation
Im ersten Band „Das Land der Anderen“ erzählt sie die Geschichte der Elsässerin Mathilde, die während des Zweiten Weltkriegs den marokkanischen Soldaten Amine Belhaj heiratet und mit ihm in Marokko unter widrigen Umständen eine Zitrusfarm bewirtschaftet. Sie bleibt eine Fremde im Land.
Ihre Tochter Aïcha, Protagonistin des zweiten Romans „Schaut, wie wir tanzen“, wächst in einer Zeit des Aufbruchs und der Liberalisierung heran. Als Gynäkologin hilft sie bedrängten marokkanischen Frauen. Sie heiratet den brillanten Ökonomen Mehdi Daoud, der eine große Karriere macht.
Im aktuellen dritten Band stehen die Töchter des Paares, Mia und Inès, im Mittelpunkt. Die beiden Schwestern, um das Jahr 1980 geboren, repräsentieren Slimanis eigene Generation. Sie wachsen in einer großbürgerlichen Umgebung auf, besuchen ein französisches Gymnasium, sprechen nur widerwillig Arabisch und fremdeln in vielerlei Hinsicht mit der Kultur ihres Geburtslandes, in dem reaktionäre Tendenzen erstarken.
Über das korrupte politische System Marokkos
Die beiden Frauen sind Vertreterinnen einer jungen, global denkenden Generation. Mia, die lesbisch ist, kann in Paris und London ein selbstbestimmtes, emanzipiertes Leben führen, was in Marokko undenkbar wäre.
Und doch macht sie die Erfahrung, dass sie auch in Europa eine Fremde ist, ja sie kultiviert dieses Fremdsein sogar noch: „In jedwedem Gespräch gelang es ihr, die Tatsache einzuflechten, dass sie nicht von hier war. Sie kam woanders her, sie war anders…“
Slimani beleuchtet in diesem abschließenden Roman auch besonders kritisch das undurchsichtige korrupte politische System Marokkos anhand des tragischen Schicksals von Mehdi. Der Vater der beiden Schwestern steigt als erfolgreicher Banker in die höchsten Kreise auf und ermöglicht seiner Familie einen komfortablen Lebensstil, bis er eines Tages der Veruntreuung von Geldern angeklagt wird, ohne dass die Hintergründe offengelegt werden.
Ein großartiges Gesellschafts- und Familienpanorama
Es folgt in dieser fast kafkaesken Geschichte ein beispielloser Absturz, erst verliert Mehdi seinen Job, dann muss er sogar ins Gefängnis. Jahre später wird er von allen Vorwürfen freigesprochen, doch da ist er längst tot. Fast ein identisches Schicksal ereilte übrigens den Vater der Autorin, Othman Slimani.
Zum Abschluss der Trilogie verwebt Leïla Slimani in diesem besonders gelungenen, aber melancholisch stimmenden Buch noch einmal das bewegte Schicksal aller drei Generationen der Familie Belhaj-Daoud.
Die großen Themen Freiheit- und Identitätssuche werden gekonnt durchdekliniert, ebenso wie der individuelle Kampf um Würde und Autonomie gegen einen übermächtigen, undurchsichtigen Staat. Insgesamt ein großartiges Gesellschafts- und Familienpanorama, das die Autorin hier zu Ende gebracht hat.