Magdeburg l Vor zehn Jahren, da war Günter Kunert gerade 80 Jahre alt geworden, saß der so vielseitige, produktive Dichter auf dem Podest im Literaturhaus Magdeburg, dort, wo geladene Literaten aus ihren Büchern lesen. Doch Kunert war damals nicht als Schriftsteller geladen, sondern als Bildkünstler. Der begnadete Schreiber, der an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee studiert hatte, zeigte in Magdeburg Radierungen, Holzschnitte, Zeichnungen. Heiter-selbstironisch, satirisch, grotesk, beklemmend, pessimistisch waren seine Arbeiten, allesamt Bestandsaufnahmen, Blicke auf die Gesellschaft. Es sind seine Sichten auf die Welt, die auch in seinem schriftstellerischen Werk so präsent sind.

Kunert wird immer wieder als Pessimist beschrieben. Resignation prägt so manches seiner Werke. Er selbst nennt sich lieber Realist.

Der Hoffnung folgte Bespitzelung

Er ist ein Skeptiker. Seine Biografie hat ihn geprägt. In Berlin geboren, waren ihm schon als junger Mensch wegen seiner jüdischen Abstammung Weiterbildungen verwehrt geblieben. Er trat vor der Gründung der DDR voller Hoffnung auf ein anderes Leben in die SED ein. Doch dann kam für den Intellektuellen alles ganz anders: Bespitzelung, Kritik in der Kulturpolitikdiskussion, verschärfte Überwachung, nachdem Kunert die Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann unterzeichnet hatte. „Ich war ja oft in einer unguten Situation, aber Mitte der 1970er Jahre sah es sehr bedrohlich aus – schon vor der Biermann-Affäre“, sagte Kunert jüngst in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa.

Es war die Zeit, als er ein Buch fertigstellte, von dem er wusste, dass es nicht veröffentlichbar war. 45 Jahre später ist es nun erschienen, und wenn man es gelesen zur Seite legt, stimmt man Kunert zu, dass es politisch völlig unmöglich gewesen wäre, nur daran zu denken, diese 200 Seiten dem DDR-Leser anvertrauen zu können.
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Vom Warten an Geschäften und auf Freiheit

Barthold heißt sein Protagonist, den die Suche nach einem Geschenk zum 40. Geburtstag seiner Frau Margarete Helene umtreibt – mit dem Warten in all seinen Erscheinungsformen: nicht nur auf nette Bedienung in einfallslosen Geschäften, sondern auch auf bessere Arbeitsbedingungen, Prämien, ein „größeres Maß an Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Kunert seziert das DDR-Leben, lässt seinen Barthold auch sinnbildlich warten auf Antworten, wenn er die Frage stellt, was denn ein Kulturfunktionär leistet, der eine Ausstellung untersagt oder eine Theateraufführung verbietet. Und ob Walter Ulbricht auch manchmal träumt.„Von uns vielleicht? Ich meine, nicht von uns persönlich, von uns als Bevölkerung.“

1979 reiste Kunert aus der DDR aus und lebt heute im schleswig-holsteinischen Itzehoe. Sein Manuskript soll er jüngst in einer Truhe im Keller gefunden haben. Bewusst vergraben in Bücherbergen? Oder einfach vergessen? Völlig egal. Kunert hat sich mit dem Fund wohl das schönste Präsent zu seinem 90. Geburtstag gemacht. Und seine Leser hat er auch beschenkt – mit einer wortmächtigen Tragikomödie über ein untergegangenes Land.

„Die zweite Frau“, Wallstein Verlag, 204 Seiten, 20 Euro.