Prag/Paris (dpa) l Milan Kundera ist ein Philosoph unter den Schriftstellern. In seinen Romanen spürt der französisch-tschechische Weltbürger den großen und kleinen Mysterien der menschlichen Existenz nach. Dabei liebt er es, den Leser mit Fragen zu konfrontieren. "Was also soll man wählen? Das Schwere oder das Leichte?", heißt es da. Oder: "Aber war es Liebe?"

An Montag (1. April) wird Kundera, der in Paris lebt, 90 Jahre alt. Sein Rang als Klassiker der Weltliteratur scheint zementiert, seit sein Werk in der prestigeträchtigen französischen Edition "La Pléiade" (Siebengestirn) erschienen ist. Zu Lebzeiten wurde diese Ehre, die sich mit Ledereinband und Goldschnitt in die Vitrine stellen lässt, bisher nur wenigen anderen Autoren zuteil.

Verfilmung brachte Ruhm

Paradoxerweise war es eine Verfilmung, die Kundera endgültig den Weg zu internationaler Berühmtheit bahnte. Der Regisseur Philip Kaufman machte sich nichts aus dessen Credo, Romane so zu schreiben, dass sie nicht adaptierbar sind. Er brachte "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" 1987 auf die Leinwand. Die erotische wie tragische Liebesgeschichte zwischen dem Chirurgen Tomas und der Kellnerin Teresa berührte viele Menschen.

Kundera merkte einmal an, den Opernautor Leos Janacek habe eine Frage immer begleitet: Ist er nur ein interessanter Komponist aus irgendeiner exotischen Ecke Europas oder ist er einer der weltweit anerkannten Schöpfer der modernen Musik? Es ist eine Frage, die Kundera in anderer Form im Exil umgetrieben haben dürfte. Jahrzehntelang kämpfte er darum, aus der Falle der politischen "Dissidenten-Ecke" zu entkommen und in Frankreich als großer Romancier und Homme de lettres anerkannt zu werden.

Es ist nicht die einzige Parallele zu dem Komponisten: Erst im Alter von 45 Jahren habe Janacek (1854-1928) seinen eigenen, unnachahmlichen Stil entdeckt, an dem man ihn sofort erkenne, so der Schriftsteller. Er selbst zieht eine Zäsur mit seinem Antistalinismus-Roman "Der Scherz", der 1967 erschien.

Jüngster Roman erschien 2015

Das Frühwerk, wie die intimen Gedichte der "Monologe" von 1957 oder das Theaterstück "Die Schlüsselbesitzer", 1963 mit dem Staatspreis ausgezeichnet, gehören nicht zum Kanon. Kunderas späterer Prosa-Stil ist geprägt von Klarheit. Kritiker nennen ihn antiromantisch und skeptisch, aber auch ironisch und humorvoll. Er hat einmal wie zu seiner Verteidigung gesagt, die Skepsis verwandele die Welt nicht in etwas Fragwürdiges; sie verwandele die Welt in Fragen.

Kunderas jüngster Roman, "Das Fest der Bedeutungslosigkeit", erschien 2015 auch auf Deutsch. Der Autor blieb sich selbst treu: Der Leser beobachtet vier ältere Herren auf ihren Streifzügen durch Paris, während sie über den Philosophen Hegel nachdenken oder Theorien über die Erotik des weiblichen Bauchnabels aufstellen. Die Kritiken reichten vom "Alterswerk eines großen Autors" bis hin zu "langweilig, unlebendig, ausgedacht und leer".

Zuletzt war Kundera in den Schlagzeilen, als ihm der tschechische Ministerpräsident Andrej Babis im November die Staatsbürgerschaft anbot. Sie war dem Exilanten aberkannt worden. Dann kam heraus: Kundera, der seit 1981 Franzose ist, müsste darum mit allerlei Dokumenten ersuchen – ein erniedrigender Gedanke. "Ich selbst würde einen solchen Antrag nicht stellen", sagt der Schriftsteller Milan Uhde. Er ist mit Kundera seit fast 70 Jahren befreundet und ist in Brünn zwei Straßenzüge weiter aufgewachsen.