Köln l Es ist September, alles grünt noch, als die neue DSDS-Staffel aufgezeichnet wird. Der Rhein-Kreuzfahrer „Blue Rhapsody“ schippert über den sonnenbeschienenen Fluss. An Bord: wirkliche und vermeintliche Talente. Und: Dieter Bohlen, Maite Kelly, Mike Singer, Michael Wendler. Die vier Juroren sitzen an Deck, lassen sich vorsingen und bewerten. Ein Millionen-Publikum will das immer noch sehen. Die Ausstrahlung, so ist es damals geplant, soll kurz nach dem Jahresstart 2021 beginnen.

Jetzt im Januar ist nicht nur die Jahreszeit eine ganz andere. Die Staffel wurde stark bearbeitet. Wendler, der vierte „Experte“ am Juror-Tisch, ist weder zu sehen noch zu hören.

Rausgeschnitten und verpixelt

Er wurde rausgeschnitten oder, wenn nicht anders machbar, komplett verpixelt. Mal ein Arm, auch mal zwei Beine sind erkennbar, mehr nicht. RTL will nichts mehr zu tun haben mit dem Wendler, wie er von seinen Fans genannt wird.

Band war schon im Herbst zerschnitten

Das Band zwischen dem Privatsender und dem coronaleugnenden „Sie liebt den DJ“-Sänger ist zerschnitten. Eigentlich war der Riss schon im Herbst da, zu jener Zeit, als 13 Sendungen mit Wendler für die neue Staffel gedreht waren. Wendler hatte im Oktober seinen Ausstieg als DSDS-Juror bekannt gegeben. Er veröffentlichte befremdliche Videos, in denen er der Bundesregierung in der Corona-Krise grobe und schwere Verstöße gegen die Verfassung und das Grundgesetz vorwarf. Später forderte er gar den Rücktritt der deutschen Bundesregierung. Medien griff er an, auch RTL, jenen Sender der ihn auf die DSDS-Bühne hob. Es ging um „Gleichschaltung“. Werbepartner waren da von ihm abgerückt, auch RTL, jener Sender, mit dem Wendler schon 2014 ins „Dschungelcamp“ eingezogen war.

Eine Witzfigur

Aber die Show um Dieter Bohlen war im Kasten. RTL wollte das Aufgezeichnete zeigen und startete am 5. Januar mit der Ausstrahlung der Castings. Wendler saß da noch im Jury-Rund. An ihm wurde kein gutes Haar mehr gelassen. Er wurde zur Witzfigur. Einen Jury-Kommentar von ihm gab es zum Beispiel im Schnelldurchlauf.

Senderchef: dramaturgische Brüche

Vor wenigen Tagen hatte sich der Schlagersänger erneut als Verschwörungstheoretiker geoutet. Ein Eintrag im Messengerdienst Telegram, der am 5. Januar zeitgleich zum Start der neuen Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ im Netz auftauchte und über den mehrere Medien berichtet hatten, brachte bei RTL das Fass zum Überlaufen. Wendler hatte geschrieben: „KZ Deutschland? Es ist einfach nur noch dreist, was sich die Regierung erlaubt!“

Auch wenn der 48-Jährige später auf Instragram kläglichst versuchte, den kruden, unsäglichen Vergleich abzuschwächen („KZ“ sei eine Abkürzung für „Krisen Zentrum“), entbrannte ein absehbarer Sturm in den sozialen Netzwerken. Vielfach wurde ein Abbruch der Show gefordert. Kein Millionen-Publikum für diesen Mann, hieß es. Der Druck auf RTL war groß.

Keine Verharmlosung

Der Sender reagierte schnell, musste auch reagieren. Kein Abbruch, aber die Ankündigung, Wendler aus den vor Monaten gedrehten Folgen ganz fix rauszuschneiden. Senderchef Jörg Graf sagte, dass RTL mit einer Unterhaltungsshow nicht die Bühne für Menschen sei, „die ihrerseits Spaltung und Verharmlosung propagieren“.

Graf kündigte an, dass die bereits postproduzierten Folgen von DSDS „unter Hochdruck neu bearbeitet“ werden. „Dabei kommt es zu erheblichen, teils dramaturgischen Brüchen; vor allem aber auch zu bildlichen ‚Fehlern‘, die nicht unserem Standard und unseren Ansprüchen entsprechen“, so Graf.

Piepton über Zwischenbemerkungen

Sonnabend nun war das bereinigte Produkt zu sehen. Die RTL-Macher legten einen Schleier über Wendler und über dessen Zwischenbemerkungen einen Piepton. Meist aber war er gar nicht zu sehen. Seine Bewertungen waren komplett gestrichen, die Sendung um fast 25 Minuten kürzer. Mehrfach gab es Einblendungen mit dem Hinweis, dass wegen „erneut völlig untragbarer Äußerungen“ ein Juror aus den Castingfolgen geschnitten wurde. „Wir verurteilen jegliche Form von Antisemitismus, Rassismus sowie Diskriminierung auf das Schärfste.“

Wendler wurde komplett über Bord geworfen – physisch und namentlich. Die Sendung war skurril, bizarr und noch spezieller als sonst schon. Christian, einer der singenden Teilnehmer, wurde lautlos gestellt. Er hatte das Mikro in der Hand, seine Lippen bewegten sich. Christian hatte sich - welch ein Pech - ausgerechnet für einen Wendler-Song entschieden.

In der Zielgruppe gewonnen

18,1 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen, insgesamt 3,6 Millionen Zuschauer hat die „geschnippelte“ Castingshow RTL beschert. In der Zielgruppe gewann man die Primetime, aber vor zwölf Monaten lag man laut Quotenanalyse des Medienmagazins DWDL noch bei 20,6 Prozent.

7,95 Millionen sahen vor genau sieben Jahren zu, als Michael Wendler das RTL-„Dschungelcamp“ verlassen hat und in die Kamera brüllte: „Ich bin ein Star. Holt mich hier raus!“ Damals war er noch Quoten-Garant.

Die „Welt“ zitierte ihn damals mit dem Satz: „Es gibt eben auch noch ein Leben nach dem Dschungel.“ Aber es sieht so aus, als ob der Wendler dort immer noch irrlichtert.