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Premiere "Der Wildschütz" von Gustav Albert Lortzing auf den Schlossfestspielen Wernigerode Das Schlossgespenst entfacht ein Spektakel mit Papier-Kostümen

Von Hans Walter 09.08.2010, 05:14

Schlossfestspiele in Wernigerode zum 15. Male. Mit der Oper "Der Wildschütz" von Gustav Albert Lortzing kommt bis zum 14. August, präsentiert durch die Volksstimme, ein heiteres Werk auf die Bühne, das zu Unrecht in der zweiten Reihe der Musikliteratur steht.

Wernigerode. Kammermusikalisch klar, einfallsreich und frisch-federnd wie die fein charakterisierende Musik, ist auch das gewitzt-temperamentvolle Libretto des Meisters, bei dem er einer Vorlage des Dichters August von Kotzebue viel Charme und Schalk hinzufügte.

"Bei den schwächeren Stellen galt es, sie zu verbessern. Die verfehlten beseitigte ich gänzlich", bekannte Lortzing, der vor allem dem ältlichen Schulmeister Baculus liebenswert-gutmütige Züge und Bauernschläue mitgab im Umgang mit seinem geliebten Mündel, dem kessen, nicht auf den Mund gefallenen Gretchen. Nach allerlei Irrungen und Wirrungen findet sich Herz zu Herzen.

Eine Oper, wie geschaffen für das Wernigeröder Schloss. Mit dem von Lortzing in die Ouvertüren-Partitur geschriebenen donnernden Schuss wird ein Schlossgespenst geweckt. Sechs den historischen Bau erkundende Touristen werden verzaubert und steigen ein in die Kleider der Opernpersonage, das Spiel nimmt seinen Lauf (Regie: Christian Georg Fuchs, Dramaturgie: Hagen Kunze). In Gang gesetzt und gehalten wird es wesentlich durch eine in weiten Teilen auf der Bühne präsente Kunstfigur, die sowohl Schlossgeist ist wie Eigenschaften der Lortzingschen Figuren, der Dienerin Nanetta und des Haushofmeisters Pankratius, aufweist. Sie greift als "Superrequisiteuse" ein, arrangiert Handlung und Figurengruppen, wirkt wie ein Spielmacher.

Es ist vor allem der Abend der Ausstatterin Julia Rogge. Sie zeigt, wie man mit einem Minimum an Etat größte Wirkungen erzielt. Sie malte die Harzberge mit dem Brocken und vier Gebäude des Schlosses auf die Kulissen.

Der erschossene Esel erscheint wie eines jener Fabelwesen der Schlosstreppe mit steinernem Schweif. Ein grandioser Einfall, der in der historischen Originalkulisse die Architektur das Schlosses sichtbar zitiert und auch zur Premiere am Freitagabend im Ziegelrot des fürstlichen Marstalls wie selbstverständlich funktionierte.

Kostüme bezaubern wegen ihrer Schlichtheit

Das erinnerte in der schwerelosen Optik an die legendäre Berghaus-Inszenierung von Rossinis "Barbier" in einem grafisch gehaltenen Bühnenbild in der Staatsoper Unter den Linden. Rogges Kostüme aus Hekosyn bezauberten in grafisch-strenger Schlichtheit in Schwarz-Weiß und Gold. Das ist ein reißfestes spezielles Material, aus dem früher die Führerscheine gemacht wurden und das wie eine Kreuzung aus Papier und Stoff wirkt. Ganz nach Gusto wurden Röcke, Schürzchen und Hosen länger oder kürzer.

Es hatte viel Witz, wie die Regie mit den Kostümen und Ausstattungsteilen spielen ließ, beispielsweise dem Alphabet zu "ABCD – der Junggesellenstand tut weh", einem Vorhängeschloss vor der Jungfräulichkeit Gretchens, einem Aufhängestrick für den Baron oder einer Zigarre des sich als reicher Kapitalist wähnenden Baculus nach seiner großen Arie "5000 Taler". Farbigkeit kam mit einzelnen Accessoires ins Spiel, wie einem Blumenstrauß oder Präsenten für die Hochzeit von Baculus und Gretchen.

Aber so sehr man bis zur Pause der Dramaturgie folgt und den zauberhaften Kostümen – im zweiten Teil ermüdet das Prinzip, das Geschehen durch den "dramaturgischen Engel" in Gang zu setzen oder zu erklären.

Warum die Altertums-Griechenland-Schwärmerei der Gräfin ersetzt wird durch einen scheinbar moderneren Star-Wars-Fimmel, warum statt Billard nun Schach mit überdimensionalen Figuren gespielt wird (wobei das Verlöschen des Lichts auch nicht packender erklärt wird), ist allein das Geheimnis von Regisseur Fuchs und Dramaturg Kunze.

Musikalisch ist dieser "Wildschütz" eine pure Freude. Das allzeit fein und differenziert aufspielende Kammerorchester unter der sensibel-vergnüglichen Stabführung von MD Christian Fitzner legte das Fundament für das prächtig auf den Typ besetzte Solisten-ensemble – von der Soloarie bis zum A-Cappella-Quartett stets mit Melos und Charme musiziert: den herrlichen Bass Daniel Wynarskis als taktierender Baculus, die stimmgewaltige und spielfreudige Fabienne Keppler als sexy Baronin.

Zwischen Verzweiflung und Liebessehnsucht

Den überzeugend zwischen Liebessehnsucht und Verzweiflung changierenden Baron gibt Andrés Felipe Orozco. Glanzvoll auch die Star-wars-spinnerte Sandra Janke als Gräfin, der jedem Weiberrock herjagende Patrick Rohbeck als Graf, das gewitzte, auf ihren sicheren Vorteil bedachte Gretchen von Patricia Maier und – nicht zuletzt – Sylvia Ziegler als das Spiel durchschauender und lenkender Schlossgeist.

José V. López de Vérgara studierte mit der sicht- und hörbar verjüngten Wernigeröder Singakademie die Opernchöre ein, bei denen vor allem der "ABCD"-Chor und "Auf dem Lande" herausragten. Nach fast jedem Gesangstitel gab es Szenenapplaus.

Dass zum Schluss nicht länger als karge sechs Minuten applaudiert wurde, ist wohl dem zweiten Teil geschuldet, der zwar herrliche Ensembles bot, die sich aber szenisch verwuselten.