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Premiere von Verdis Oper "Ein Maskenball" in Dessau begeistert aufgenommen Der Fall eines Schwedenkönigs: Tragisch und auch komisch

Von Helmut Rohm 21.06.2010, 05:21

Der Schuss kam aus der vierten Reihe im Parkett. Der Darsteller von Gustav III., Hector Sandoval, sank auf offener Bühne, tödlich getroffen, zu Boden. Nachdem gerade die Premiere von Guiseppe Verdis Oper "Ein Maskenball" am Anhaltischen Theater Dessau bravourös zu Ende gegangen war. Verwirrung im Publikum, zunächst jedenfalls.

Dessau-Roßlau. Alles nur gespielt. Ein letzter überraschender Einfall des Regisseurs Roland Schwab. Er wob in seine Inszenierung durchgängig eine spürbar komödiantische Note ein. Aufgesetzte Pseudomoderne? Werden Gefühle der Lächerlichkeit preisgegeben, wird Verdi gar verhunzt?

Kaum. Mehr wohl ist es eine Erzählweise, bei der Roland Schwab ganz dicht aus der realen Figur des schwedischen Königs "schöpfte". Mit seiner manischen "Theaterbesessenheit" machte sich der König in seinen Kreisen oft lächerlich. Bis in den Tod - eben auf einem Maskenball.

Gustav III. durchlebte, in der faszinierenden gesanglich und schauspielerisch trefflichen Darstellung von Hector Sandoval, einen wahren Gefühlstaumel. Er gab nichts auf Warnungen seiner Freunde, nahm das Leben, wie es kam. Er wollte die Freundschaft zu seinem Freund der Liebe zu dessen Gattin opfern. Tiefe Reue und Glauben an Treue, Verzicht und Verzeihung - hehre Haltungen, die letztendlich zu spät kamen, für ihn jedenfalls. Der König ist tot. Das Volk huldigt dem Sterbenden.

Mit in diese geheimnisvollen Verwirrungen hat Gustav III. Amelia, die Ehefrau seines Freundes René, gerissen. Leiden und Lieben - hinreißend präsentierte sie Iordanka Derilova, gesanglich mit scheinbarer Mühelosigkeit, Emotionen mit der letzten Faser ihres Körpers ausdrückend. Der Zuschauer litt mit.

Ulf Paulsen ließ den Gast die wechselvollen Gefühle und Tiefschläge des René Anckarström ebenso emotional nachvollziehen.

In ihrer Rolle als Page Oscar trumpfte Cornelia Marschall mächtig und erfrischend auf - ein bisschen Mephisto, die Fäden immer in der Hand und stets durchblickend.

Auch die Szenen der dreiaktigen, fast dreistündigen Oper, die karg an aktionsreicher Handlung, jedoch reich an Gefühlssprache, wie in den Arien und Duetten, waren, wurden durchweg spannend, letztendlich auch kurzweilig unterhaltend inszeniert. Die Dessauer Aufführung wählte das italienische Original mit deutschen Obertiteln.

Diese begeistert aufgenommene Premiere lebte von einer stimmigen Komplexität. Die Anhaltische Philharmonie unter GMD Antony Hermus verinnerlichte die faszinierende Musik von Verdi. Sie spielte lustvoll beschwingt auf, traf mit genau solcher Präzision und emotionaler Ausstrahlung die dramatisch-tragischen Sequenzen.

Abrupte Handlungs- und Stimmungswechsel, fast von Bild zu Bild, gingen neben der wechselvollen Musikvielfalt oft mit fantasievollen Bühnenbild-Wechseln (Bühne Hartmut Schörghofer) einher. Ausgelebte Details, wie bei der schaurigen Zauberei der Wahrsagerin Ulrika - Rita Kapfhammer in einer Paraderolle - in Symbiose mit angedeuteter Symbolik prägten diese Inszenierung, forderten die Fantasie der Zuschauer. In ähnlicher Betrachtungsvariabilität waren die Kostüme von Frank Fellmann gestaltet.

Markantes Bühnenelement war ein großer geneigter Spiegel, der, dem Reflexionsgesetz folgend, ungewohnte Ansichten und "Einblicke" bot. Ein ebenso dominantes Rondell "spuckte" von Zeit zu Zeit, wie aus dem Nichts kommend, Figuren aller Couleur aus.

Apropos viele Menschen. Der Opernchor (Leitung Helmut Sonne) war nicht nur für den handlungsvorantreibenden Text verantwortlich. Die Damen und Herren waren "integriertes Leben" des Stückes.

In weiteren Rollen waren Wiard Witholt, Nico Wouterse, Rosen Krastev, Filippo Deledda und Alexander Dubnov zu erleben.

Die nächsten Aufführungen stehen am 27. Juni und am 3. Juli auf dem Spielplan.