Berlin l „B 9“ ist kein schöner Name für eine Designikone. Doch der Hocker, den Marcel Breuer für die Bauhaus-Mensa in Dessau entwarf, ist so genial einfach, dass sein Name keine Bedeutung für seine Popularität hatte. „B 9“ steht in teuren Möbelläden, in den Designmuseen der ganzen Welt, neuerdings 100 Mal in verschiedenen Farben im neuen Dessauer Bauhausmuseum. Und im Atelier von Jay Gard. Denn Gard hat das Farbkonzept für die Sitzflächen entworfen. Die Grundlage der Farben ist ein Teppichentwurf der Weberin Margaretha Reichardt, die am Bauhaus studierte und das Eisengarngewebe für Marcel Breuers Stahlrohrmöbel entwickelte.

„Es gefällt mir, mich mit Dingen zu beschäftigen, die es schon gibt“, sagt Jay Gard, Bildhauer, 1984 in Halle geboren, in Chemnitz aufgewachsen, seit fünf Jahren in Berlin lebend. Bilder zum Beispiel reduziert er auf ihre Farben, die er in Farbkreisen, Farbflächen, Farbschlangen ordnet. Die Bilder können von jedem Künstler aus jeder Epoche sein: Steinzeit oder Jetztzeit, Renoir oder Beckmann, Cecily Brown oder Martin Kippenberger. Oder eben ein Teppich von Margaretha Reichardt. Im Dessauer Museum bilden die Hocker ständig andere Farbkombinationen – wie sie die Besucher eben hinterlassen. Genau diese Veränderung wünscht sich Jay Gard.

Studium an der Burg Giebichenstein

Gleich nach dem Studium an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle und an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig traute sich Jay Gard noch nicht, „nur“ Kunst zu machen. Er versuchte, Gegenstände herzustellen, die auch eine Funktion haben. Möbelstücke zum Beispiel. Dann machte er „nutzlose“ Kunst, jetzt interessieren ihn wieder benutzbare Gegenstände. Einige von ihnen bilden, in Kisten verpackt, einen mittelgroßen Turm in seinem Atelier. Sie enthalten die Designikonen-Hocker „B 9“, deren Sitzflächen mit farbigen Intarsien versehen sind. Auch für diese spezielle Edition, die in Museumsshops verkauft wird, nutzte Jay Gard die Teppichentwürfe von Margaretha Reichardt.

Bilder

Um herauszufinden, welche Werke oder Kunststücke ihn inspirieren könnten, verbringt Jay Gard eine Woche im Jahr in einer Kunstbibliothek und blättert durch so viele Bücher wie möglich und kopiert oder fotografiert, was ihn interessiert. Aus dieser besonderen Form der Künstlerklausur entstehen „Skizzenbücher“ – ein privater Wissensspeicher, schön zum Buch gebunden und mit Jahreszahlen versehen.

Karriere durchaus strategisch geplant

Ein Buch war es auch, das Jay Gard für Farbe begeisterte. Mit „Interaction of colors“ von Joseph Albers, dem nach Johannes Itten zweiten Leiter des Vorkurses am Bauhaus, schloss sich Jay Gard eine Woche ein und studierte Albers’ Farbentheorie. Als er die Lektüre beendet hatte, war der Grundstein für etwas Neues in seiner Arbeit gelegt: Farbe.

Er habe große Lust, sich weiter an Dingen abzuarbeiten, die es schon gibt, sagt der 35-Jährige, der momentan gut von seiner Kunst leben kann. Dem aktuellen Erfolg ging eine durchaus strategische Karriereplanung voraus. Denn da er vom Funktionieren des Kunstmarktes allenfalls eine vage Vorstellung hatte, ging Jay Gard nach dem Studium für zwei Jahre nach New York und arbeitete für den Künstler Tom Sachs. Während er sich an Sachs’ Kunstproduktionen beteiligte, lernte er „ganz nebenbei, wie erfolgreiche Künstler kommunizieren, wie der Kunstmarkt funktioniert. Außerdem lernte ich Arbeitsmoral“, sagt Jay Gard. Heute arbeitet er selten weniger als zehn Stunden am Tag – weil es Spaß mache und weil es nötig sei, um Erfolg zu haben.

Zurück in Deutschland, zog Gard vor fünf Jahren nach Berlin, denn „dort leben viele Künstler, und die internationalen Sammler kommen in Berlin vorbei“. Er suchte sich eine Galerie und begann sein Künstlerleben.

Ob er seine Karriere weiter in Berlin verfolgen wird, steht noch nicht fest. Denn der Traum, aus dem gemieteten Atelier in ein eigenes Atelier im Grünen zu ziehen, wird bei Jay Gard, wie bei Freunden und Künstlerkollegen, stärker.