Literatur Die Geschichte aller Deutschen
Christoph Hein erzählt in seinem Roman „Glückskind mit Vater“ von einem Leben im Schatten des Vaters. Grit Warnat hat mit ihm gesprochen.
Herr Hein, Sie stellen Ihrem Buch die Worte voran „Der hier erzählten Geschichte liegen authentische Vorkommnisse zugrunde“. Sie kennen also jemanden, dessen Vater Kriegsverbrecher war?
Christoph Hein: Ich habe diese Geschichte vor vielen Jahren von einem Mann erfahren, den ich lange kenne, der aber auch lange nicht darüber gesprochen hat. Das Thema beschäftigte mich immer wieder. Irgendwann sah ich, dass es die Geschichte aller Deutschen ist. Es ist die Geschichte meiner Generation und aller nachfolgenden Generationen.
Niklas Frank, Sohn des General- gouverneurs im besetzten Polen, hat mit Vater und Mutter in Büchern rigoros abgerechnet. Die Enkelin von Amon Göth hat über ihren Großvater geschrieben. Das Thema ist aktuell.
Diese Zeit prägt uns. Wenn wir in jene Länder fahren, in denen die Nazis gewütet haben, in Polen, in Russland, in Frankreich, kann es uns nach wie vor passieren, dass wir als Sohn, als Tochter oder als Enkel der Nazis gesehen werden. In Griechenland wurden jüngst Angela Merkel und Wolfgang Schäuble als Nazis dargestellt. Diese Geschichte bleibt, sie ist aktuell und sie wird uns noch viele Jahrzehnte begleiten.
Siedeln Sie einen Teil Ihrer Handlung in Frankreich an, weil das Land auch stark unter den Deutschen gelitten hat?
Konstantin flüchtet sich dorthin, weil er sich von seinem Vater und seinem Vaterland befreien will. Er lernt freundliche Menschen kennen, die in der Resistance waren, und wird von seiner Familiengeschichte eingeholt. Er glaubt, vor der Entlarvung zu stehen. Natürlich bildet er sich vieles nur ein, aber er ist derart fixiert auf den Vater. Wie Faust in jedem Weibe die Helena sieht, sieht er in jedem SS-Offizier seinen Papa.
Der Vater klebte wie Pech am Sohn. Gibt es Leser, die Ihnen bestätigen, dass sie das auch so erlebt haben?
Ja, ich bekam Briefe, die mir ein ganz ähnliches Schicksal beschrieben, die ihres Nazi-Papas wegen in ihrem Leben nur mühselig vorankamen.
Wir können uns unsere Eltern nicht aussuchen.
Nicht nur das. Karl Marx formulierte einmal: Unser Leben hat einigermaßen begonnen, bevor wir geboren werden. Wir können uns nicht aussuchen, wo wir auf die Welt kommen, ob in Afghanistan oder in Syrien oder in Deutschland, ob in einer gebildeten oder ungebildete Familie, ob die Eltern Geld haben oder arm sind. Es gibt Prägungen, die vor unserer Geburt feststehen. Denen sind wir ausgeliefert.
Ihr Konstantin wurde geboren, da war der Vater als Kriegsverbrecher schon gehängt. Der Sohn wird in Sippenhaft genommen. Konstantin darf nicht das Abitur machen, die Filmhochschule lehnt ihn nach anfänglicher Zusage dann doch ab. Sie durften auch nicht an die Oberschule, weil Sie ein Pfarrerkind waren. Wie viel ist Autobiografie?
Viel, sehr viel. Die Filmhochschulgeschichte ist meine Geschichte. Ich erzähle minutiös die Exmatrikulation, weil ich sie selbst erlebt habe. Ich wurde vom stellvertretenden Kultusminister exmatrikuliert. Auch bei mir war das Sippenhaft.
Ist Ihr Konstantin für Sie ein Glückskind?
Ja, er ist ein Glückskind. Er ist ein Schlitzohr, hat etwas Schwejkhaftes. Bei allen Schwierigkeiten trifft er immer wieder auf Menschen, die sein Glück sind. Das eigentliche Unglückskind ist seine Mutter, deren Leben vor ihrer Geburt gut begonnen hatte. Die Eltern waren hoch gebildet und reich, dann rutscht sie jedoch in eine fatale Ehe hinein. Sie durfte keine Lehrerin mehr sein. Sie ging putzen.
Der Bruder des Gehängten lebt im Westen. Er hat den Bruder immer verteidigt. Im Osten war es Stigma. Aber war der Umgang mit der Nazivergangenheit in der DDR nicht auch verlogen?
Ohne Zweifel. Der Antifaschismus war die große Legitimation der DDR. Sie hatte auch eine Scheinheiligkeit dabei. Aber in der DDR war es fatal, Kind eines Kriegsverbrechers zu sein, im Westen war das anders. Der Sohn von Rommel konnte auch mit diesem Namen Karriere machen. Im Unterschied zur DDR wurden die ganzen Eliten übernommen. Das betraf die Justiz, die Medizin, die Lehrer, die Beamtenschaft. Der berühmte Staatsanwalt Fritz Bauer hatte nahezu im Alleingang versucht, die Naziverbrechen aufzuklären. Die DDR ist anders vorgegangen. Sie hat die belasteten Lehrer aus dem Dienst entlassen und Neulehrer eingestellt. Dadurch fehlten Fachleute. Adenauer hingegen hat gesagt, er nimmt jeden Fachmann und sei es ein von den Alliierten als Kriegsverbrecher Verurteilter. Ein Beispiel war Nazi-Banker Abs, den brauchte man für die Bundesbank.
Sie beleuchten in Ihren Büchern immer die Vergangenheit. Was mögen Sie an der Vergangenheit?
Das ist keine Besonderheit von mir. Autoren arbeiten gern in der Vergangenheit. Sie ist für uns der Steinbruch, den uns unsere Biografie lieferte und in dem wir die Figuren und Bilder herauszuschlagen haben. Die Welt hat uns ein Bruchstück in die Hand gegeben, das wir nur noch zu einem die Welt abbildenden Bild ergänzen müssen. Wenn wir schreiben, erinnern wir uns an das, was wir gesehen, erlebt, erfahren haben. Alles andere wäre mir persönlich zu abstrakt.
Sie werden aber schon zu Recht als Chronist bezeichnet.
Ich habe nichts dagegen, für mich ist es aber nur Schublade. Mir ist sehr wichtig, dass ich vieles von dem, was ich beschreibe, auch gesehen habe, dass ich die Figuren kenne. Beim Schreiben entstehen sie neu, in einer anderen Form und in einer Geschichte. Es ist gut, wenn man sich dafür von der Wirklichkeit anregen lässt.
Magdeburg spielt eine Rolle in Ihrem Buch. Sie kannten also die Stadt?
Ich kann nur Städte beschreiben, die ich ganz gut kenne. Ich war schon zu DDR-Zeiten im damals tristen Magdeburg. Das Antiquariat, das im Roman vorkommt, gab es in Leipzig. Ich habe es nach Magdeburg transportiert.
Konstantin versucht, seinen Weg zu gehen. Er will keine Kinder bekommen. Warum?
Jener Bekannte wollte auch keine Kinder. Er hatte Angst, dass dem Sohn, der Tochter das Gleiche passiert, dass die Akte des Großvaters wieder da ist und Zukunft verbauen kann.
Ist deshalb die Akte allgegenwärtig in Ihrem Buch?
Sie spielte zu DDR-Zeiten eine sehr große Rolle. Inzwischen wissen wir, dass das noch gar nichts war zu dem, was wir jetzt erleben. Heute ist alles im Netz, dadurch auch fürchterlicher. Es ist alles nicht mehr löschbar.
Wir leben im 27. Jahr nach der Wende. Sehen Sie sich als deutscher oder als ostdeutscher Autor?
Peter Hacks sagte in einer Laudatio, ich sei der endgültig letzte Vertreter der schlesischen Dichterschule. Heute leben nur noch drei ostdeutsche Autoren in Deutschland. Gelegentlich rechnet man die mitteldeutschen Autoren dazu, das ist historisch unsinnig. Was haben Brandenburg oder Sachsen oder Mecklenburg mit Pommern und Schlesien zu tun?
In Magdeburg gab es vor kurzem die Premiere der Kammeroper „Die Andere“, für die Sie das Libretto geschrieben haben. Was sind Ihre aktuellen Projekte?
In einem Vierteljahr kommt an der Staatsoper Berlin die Oper „Comeback“ auf die Bühne, die mit dem argentinischen Komponisten Oscar Strasnoy entstand. Mit ihm arbeite ich auch für die Luther-Oper zum Reformationsjubiläum in Sachsen-Anhalt zusammen. Sie wird wahrscheinlich am Opernhaus Halle aufgeführt.
Wie wird Luther dargestellt?
Ein starker Charakter, eine Jahrhundertfigur, ein erfolgreicher Reformator, der eine die Welt verändernde Idee durchsetzen konnte, weil er zudem ein widersprüchlicher Egozentriker war.
Arbeiten Sie auch an einem neuen Roman?
Ich bin dabei, es wird eine Lebensgeschichte über zwei Generationen.
Christoph Hein ist am 8. Juni, 20 Uhr, zu Gast im Moritzhof Magdeburg.