Premiere für das neue Soloprogramm mit Bernd Kurt Goetz im Kabarett "... nach Hengstmanns" Die Jagd nach Werten, die mehr wert sind
In Bernd Kurt Goetz wohnen zwei Charaktere - ein Philosoph und ein Kabarettist. In seinem neuen Solorogramm kommen wie immer beide zu Wort.
Magdeburg l Es muss ein alter griechischer Philosoph gewesen sein, der beim Abschleifen der Ecken des Lebens das Rad erfunden hat. Und es ist der neuzeitliche Philosoph und Kabarettist Bernd Kurt Goetz, der mit seinem sechsten Soloprogramm "Goetzenbilder 2012" im Magdeburger Kabarett "... nach Hengstmanns" behauptet, ein "Rad ab" zu haben. Am Mittwochabend (11.1.2012) war die eifrig beklatschte Premiere.
Es ist ein schönes Gefühl, aus einer Irrenanstalt entlassen zu werden, verkündet Goetz von der Kabarettbühne, besser, als aus einer Firma gefeuert zu werden. Hinein in eine verrückte Welt, verrückter, als man sie sich in einer Anstalt ausmalen kann. Vor diesem Hintergrund ringen der Philosoph im Kabarettisten und der Kabarettist im Philosophen miteinander um Einsichten und Lacher, um Geistesblitze und Feinsinnigkeiten.
Und davon gibt es jede Menge, wenngleich Bernd Kurt Goetz seinen Zuhörern kaum Zeit lässt, Tiefsinniges zu verdauen. Wo andere eine Wirkungspause einlegen, springt er sofort zum nächsten Gedanken. Das ist anspruchsvolles, aber auch anstrengendes Kabarett.
Er wäre ein schlechter Philosoph, wenn er nicht den Bogen von den alten zu den neuen Griechen zöge. Genüsslich arbeitet sich der Künstler durch die Höhen und Tiefen der hellenischen Kultur, vom missglückten Marathonlauf bis zur Erfindung der Demokratie.
Letztere sei die perfekte Methode, sich vor der Verantwortung und der Bestrafung zu schützen, wenn es schiefgehe. Bei kollektiver Verantwortung ist schließlich keiner verantwortlich.
Und damit ist Goetz schon kabarettistisch-sezierend bei der Finanzkrise, der er durchaus positive Seiten abgewinnen kann. Der größte Vorteil: Man kann seinen Vorurteilen ungehindert freien Lauf lassen.
Bernd Kurt Goetz scheut kein Tabu und keinen Fettnapf, politische Korrektheit bleibt außen vor, mehr oder minder aktuelle politische Tretminen explodieren. Euro-Rettung und Guttenberg, Merkel und die Griechen, die FDP und die Demokratie, der rechte Glauben, ja selbst eine Grabrede nach der Schlacht vom Teutoburger Wald - Bernd Kurt Goetz rast mit einer Unmenge Text durch Raum und Zeit auf der Jagd nach Werten, "die mehr wert sind als Geld". Aber wer kann die schon bezahlen?
Sein Bruder Hartmut, die ebenfalls von Bernd Kurt Goetz gespielte zweite Figur, ist ein vogtländisches Urgestein, das die Weltsicht seines zweiten Ichs manchmal gelassen und manchmal ausgesprochen wütend auf die lokalen Niederungen des Alltagslebens herabbricht. Regisseurin Hella Stövesand dürfte alle Mühe gehabt haben, Bernd Kurt Goetz in dieser Rolle "einzufangen".
Als unersetzbarer Fußballtorwart ist er aus dem "Kasten" gedrängt worden und auf das Fahrrad umgestiegen, weil es besser in die Welt passt, nach unten zu treten und nach oben zu buckeln. Und aus dieser gebückten Haltung ist gut zu erkennen, dass nicht zufällig ein Arzt als Wirtschaftsminister nötig ist, um die kranke Wirtschaft zu heilen. Oder, dass man in der richtigen Partei sein muss, um Arbeit zu finden. Beispielsweise in der NPD, um einen Job als V-Mann zu bekommen.
"So verlogen ist die Welt!", schimpft der Kabarettist im Radrenndress, um sogleich zutiefst philosophisch festzustellen, dass Mut oft nur ein Mangel an Wissen sei.
Bernd Kurt Goetz nimmt voller Mut und Wissen sein Publikum mit auf eine rasante "Rad ab"-Fahrt durch eine völlig aus den Fugen geratene Welt. Da sollte man aufsteigen.