Umfangreiche Biografie über ein kurzes, bewegtes Leben Die Wiederentdeckung der Autorin Irène Némirovsky
Mit dem Roman "Suite française", der fast 60 Jahre in einem Koffer geschlummert hatte, begann auch in Deutschland vor wenigen Jahren die Wiederentdeckung der Schriftstellerin Irène Némirovsky. Seit 2005 sind zahlreiche Romane und Erzählungen von ihr auf deutsch erschienen. Neuerdings liegt eine umfangreiche Biografie über das kurze, aber bewegte Leben der jüdisch-russischen Schriftstellerin vor. Gewürdigt wird sie darin als große Autorin.
Von Grit Warnat
Magdeburg. Irène Némirovsky starb 1942 in Auschwitz. Da war sie 39 Jahre jung. Einen Mann und zwei Mädchen hat sie hinterlassen und ein großes literarisches Werk.
Ihr von Kritikern gefeiertes Meisterstück "Suite française", ein erschütterndes, tief bewegendes Zeitzeugnis über die deutsche Besatzung in Frankreich, blieb unvollendet. Fünf Teile in der Abfolge einer Suite waren geplant, zwei sollten es nur werden, weil Irène Némirovsky keine Zeit mehr blieb. Sie wurde eingesperrt und deportiert. 60 Jahre später wurde dieses große literarische Vermächtnis in einem Koffer gefunden, veröffentlicht, von der Kritik gefeiert. Seit "Suite française" hat vor allem der Knaus Verlag zahlreiche Némirovsky-Werke auf den Markt gebracht. Heute sind ihre Romane in vielen Buchhandlungen zu finden.
Ihr kurzes, bewegtes Leben zwischen zwei Weltkriegen haben die Franzosen Olivier Philipponat und Patrick Lienhardt in ihrer umfangreichen Biografie nachgezeichnet. "Aus dem, was mir widerfahren ist, könnte man ein überaus handlungsreiches Drehbuch machen", hatte die Schriftstellerin schon 1931 in einem Interview gesagt. Da hatte sie längst die russische Revolution und die Flucht der Familie hinter sich, eine Odyssee über Russland, Schweden, Finnland, bis nach Frankreich, das ihre zweite Heimat werden sollte.
Und sie hatte eine unglückliche Kindheit in einer wohlhabenden Familie erlebt, von der sie nachhaltig geprägt wurde. Vor allem leidet sie unter ihrer Mutter, die Irène weder Liebe noch Wärme schenkte und sie in die Obhut einer Gouvernante gegeben hatte. Sie wollte sich nicht selbst um die Tochter kümmern. Später wird Irène Némirovsky dieses Erlebte, den Hass auf die Mutter in ihren Romanen verarbeiten. In "Jézabel" zum Beispiel, ein Roman über eine älter werdende Frau, die jung und schön bleiben will und der eigenen Tochter diese Jugend und Schönheit missgönnt. Die Autoren schreiben: "Sie hat ihre Mutter im Roman ermordet."
Verwandtschaft als literarische Anregung
Philipponat und Lienhardt haben für ihre jetzt im Knaus Verlag auf deutsch veröffent- lichte Biografie zahlreiche Notizen der Autorin ausgewertet – oft hatte Némirovsky Hinweise auf die Ränder der Manuskripte geschrieben. Die geben auch Aufschlüsse darüber, wie intensiv sich das Leben der Autorin in ihren Romanen widerspiegelte, wie ihr Verwandten- und Bekanntenkreis als literarische Anregung für ihre erfundenen Figuren diente.
So zieht sich ihr zerrüttetes Verhältnis zur Mutter wie ein roter Faden durch ihr schriftstellerisches Werk, ebenso verarbeitet sie immer wieder den Alltag und die Lebensverhältnisse der Juden. Letzteres bringt ihr sogar den Vorwurf des Antisemitismus ein. Ihr erster Verleger hat über ihr Buch "David Golder" gesagt, sie sei eine Jüdin, die die ihren nicht schone. Dabei wurde sie selbst immer wieder mit Antisemitismus konfrontiert.
Doch Irène Némirovsky avancierte zum Star der französischen Literaturszene. Sie schrieb viel, sie war erfolgreich, sie war berühmt. Heute ist sie mit Büchern wie "Suite française", "Die Hunde und die Wölfe", Feuer im Herbst" und "Leidenschaft" (alle Knaus Verlag) auch bei den deutschen Lesern ein Begriff. Mit der jetzt vorliegenden Biografie können sie jetzt auch intensiv in das Leben dieser außergewöhnlichen Frau vordringen. Der letzte Satz der beiden Autoren: "Wer kann heute noch daran zweifeln, dass Irène Némirovsky auf ganz besondere Weise am Leben ist?"
Olivier Philipponnat und Patrick Lienhardt: Irène Némirovsky. Die Biographie. Knaus Verlag, 576 Seiten mit Schwarz-weiß-Abbildungen, 29.95 Euro, ISBN 978-3-8135-0341-8.