Magdeburg l Die zehn Meter hohe Justitia wacht über das Treiben zu ihren Füßen. Mächtig steht sie da, erhaben, durchsetzungsfähig. Doch was die römische Göttin der Gerechtigkeit erleben muss, ist jede Menge Lug und Trug und eine Gerichtsverhandlung, die so gar nichts mit Objektivität zu tun hat. Die öffentliche Meinung bestimmt in „Chicago“ das Urteil. Und so kommt eine Frau, die erst Sex hat mit ihrem Liebhaber, ihn dann erschießt, aus dem Gefängnis frei und dank der Schlagzeilen der geifernden Medien zudem auf die große Showbühne.

Ein Kleid wird zum Wasserfall

Sandy Mölling ist diese Roxie Hart, sexy, lasziv, kühl-berechnend. Bei der Pressekonferenz, da sitzt sie schon wegen Mordverdachts im Knast, hat ihr gewiefter, durchtriebener Anwalt Billy Flinn (Daniel Rakasz, der die Zuschauer teilhaben lässt an seinem athletischen Körper) alles bestens inszeniert. Alle Reporteraugen sind auf Roxie gerichtet. Ihr Kleid wird zum Wasserfall. Das wird fotografiert, gefilmt. Mary Sunshine, die Klatschreporterin (herrlich verkörpert vom Niederländer Gerben Grimmius), schwebt über den Köpfen des Publikums ein. Nicht nur eine schön anzusehende Idee. Man darf gern das Erhabene und Anmaßende hineininterpretieren, über allem zu stehen und anderen eine Meinung aufzudrängen. Mary singt: „Etwas Gutes ist an jedem dran.“ Kostümbildner Franz Blumauer steckt die durchgeknallte Meinungsmacherin in wunderbar verrückte Kostüme. 200 hat er für „Chicago“ kreiert.

Verhandlung als Hokuspokus

Über Bildschirme flackern die Schlagzeilen: „Die schöne Mörderin“ und „Roxie erschüttert Chicago“. Nur auf der Anklagebank wird sie in ihrem blauen Kleidchen zum bemitleidenswerten, zerbrechlichen Wesen. Ach je, ein Kind bekommt sie auch noch. Das treibt den Geschworenen die Tränen in die Augen. Sie verlassen sich ganz auf die Verlogenheit der Angeklagten und all die Fake News. Überhaupt ist die ganze Befragung ein Hokuspokus. Am Ende gibt es den Freispruch. Dann geht’s mit Knastgenossin Velma Kelly (Marcella Adema), wegen Doppelmordes einsitzend, auf die Showbühne. Das Gefängnis vor dem Dom verwandelt sich in eine an Las Vegas erinnernde Partyzone mit großen Shownummern. Überhaupt wird jede Menge getanzt. Das Ballett des Theaters und die Solisten haben gut zu tun.

Bilder

Internationales Team

Das Theater Magdeburg hat sich für sein diesjähriges Sommer-Open-Air ein starkes, international bestücktes Team zusammengestellt. Damian Omansen, der musikalische Leiter, hatte im Vorfeld gesagt, dass es wichtig sei, nicht nur problemlos singen zu können. Das professionelle Spiel sei ebenso gefragt. Sandy Mölling, Ex-No-Angel-Sängerin, die das Theater vor Jahren schon einmal engagieren wollte, was aber erst jetzt klappte, und die aus den Niederlanden stammende Marcella Adema haben die beiden tragenden Rollen des Musicals fest im Griff. Die elegante Adema ist mit ihrem Look und ihrem Auftreten so perfekt im Stil der 1920er Jahre unterwegs, als habe sie sich mit einer Zeit-Maschine fast 100 Jahre zurückversetzen lassen. Dazu wird natürlich gejazzt. Die Musiker der Magdeburgischen Philharmonie, die zum Glück nicht wie im vergangenen Jahr versteckt werden, so dass mancher vermutete, die Musik laufe vom Band, wird von jazzerfahrenen Gästen unterstützt.

Schwarz-uniforme Journalistenmeute

Regisseur Ulrich Wiggers, der zuletzt die schrille Rocky-Horror-Show verantwortete, bleibt aber nicht in dieser Zeit, in der sich das Spektakel einst wirklich zutrug. Reporterin Maurine Dallas Watkins schrieb über die beiden Mordfälle mit den Frauen auf der Anklagebank und verarbeitete das Absurde in einem Theaterstück. Es war 1975 Grundlage für das Musical „Chicago“ (Buch von Fred Ebb und Bob Fosse, Musik von John Kander). Wiggers verortet die Handlung im Heute. Seine schwarz-uniforme Journalistenmeute ist mit Tablets ausgerüstet, um alles festzuhalten, was da vor Gericht abläuft. Dass die Moral schon mal auf der Strecke bleiben kann, gehört zum Geschäft. Als der Freispruch verkündet wird, rennen alle zum nächsten Mord auf der Straße – auf der Hatz nach neuen Schlagzeilen. Kein Rampenlicht mehr für Roxie.

Zum Schluss reißt sich Mary Sunshine die Perücke vom Kopf. Da wird noch einmal ganz klar: Die Dinge sind nicht die, die sie zu sein scheinen.

 

Weitere Vorstellungen: bis 7. Juli mittwochs bis sonntags, Beginn jeweils 21 Uhr. Theaterkasse: 0391/40490490.