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"Sommer-Haus-Märchen" Ein Abend im Reich der Träume

Märchenhaft und ganz schön gruselig ging es in der alten Villa des
Theaters an der Angel auf dem Magdeburger Werder zu. Beim 15.
Sommertheater, dessen Premiere bei echten Blitzen und Donnergrollen vom
Publikum begeistert gefeiert wurde, kamen alle Beteiligten ganz schön
ins Schwitzen.

Von Rolf-Dietmar Schmidt 06.07.2015, 01:14

Magdeburg l Wer Märchen nicht mag, ob Groß oder Klein, der hat aufgehört zu träumen. Sehnsüchte, Wünsche, Ängste - all das findet sich in den Geschichten, die oft so alt sind, dass man nicht mehr zurückverfolgen kann, wann und wie sie entstanden sind. Dennoch begleiten sie wohl jeden Menschen durchs Leben, rühren und berühren immer wieder, egal wie alt man ist.

Doch es wäre kein Sommertheater der "Angler", wenn das schon alles wäre. Nein, da werden die bekannten Figuren aus den Märchen kräftig durcheinander gewirbelt, da "vernascht" im ersten Teil im Märchenwald der Villa die Großmutter den Wolf, das Rotkäppchen und den Jäger gleich noch dazu, und bei der bekannten Laufwette zwischen Hase und Igel können die Zuschauer zeigen, wie schnell man eine Möhre abgeben kann.

Die Hochwasserschutz-Bauarbeiten auf dem Werder entlang der Elbe bis vor die Tür der Villa des Theaters an der Angel haben Sensationelles zutage gefördert. Der Backofen aus Hänsel und Gretel stand mit großer Wahrscheinlichkeit im Garten der Villa, die Hexe war höchstens 25 Jahre alt, recht attraktiv und offenbar das Opfer des Geschwisterpaars.

Da versteht es sich fast von selbst, dass die Gebrüder Grimm samt Schwester Lotte, der die Villa "irgendwie unheimlich" ist, genau hier eine Heimstatt für die Erarbeitung ihrer Märchen finden. Jacob Grimm wird dabei von Marcus Kaloff gespielt, der am Theater an der Angel schon als Regisseur wirkte und offenbar "Blut geleckt" hat. Ihm können in der Rolle die Geschichten gar nicht blutrünstig und grausam genug sein. Wilhelm Grimm, verkörpert von Matthias Engel und Lotte Grimm von Ines Lacroix, bremsen in dem Theaterstück "Kriminell GRIMMig" von Pierre Schäfer ihren Bruder in seinen Brutal-Fantasien. Schließlich soll immer das Gute die Oberhand behalten. Das ist auch der Grund, weshalb die Märchensammlungen der Gebrüder Grimm trotz aller Grausamkeiten für Kinder erträglich sind - Liebe, Gerechtigkeit und Güte sind immer die Sieger. Darauf kann man sich verlassen, selbst, wenn man das Märchen nicht kennt.

Ines Lacroix und Matthias Engel kommen vom Puppenspiel. Da liegt es natürlich nahe, dass man bei der Entwicklung der Geschichte für ein Märchen auf Puppen zurückgreift. Und das machen die beiden mit einer solchen spürbaren Liebe zu diesem Genre, dass einem der Atem stockt, wenn die Puppengeschwister Leonore und Emilie in den Händen von Ines Lacroix zum Leben erweckt werden, den gruseligen Hexenmeister Fitcher, hinter dessen weitem Mantel Matthias Engel steckt, überlisten und mit tatkräftiger Unterstützung des Johann schließlich in die Blutkammer stürzen. Der Puppe des Johann haucht Marcus Kaloff Leben ein und beweist damit sein Talent nicht nur als Schauspieler in Fernsehserien und auf der Bühne, sondern auch als Regisseur und nun noch als Puppenspieler.

Mit diesem Sommertheater schicken die Angler ihr Publikum in das Reich der Träume und der Fantasie. Wer sich darauf einlässt, wird einen unvergesslichen Abend erleben, in dem bei allem Bösen in den Geschichten das Gute zum Schluss immer gewinnt. In der Realität ist das nicht immer so. Aber an einem schönen Sommerabend darf man ja noch träumen: "Es war einmal...".