Barbara Sukowa spielt die Titelrolle im Film "Hannah Arendt" von Margarethe von Trotta Ein Kammerspiel als kluges Lehrstück
Margarethe von Trotta erzählt in "Hannah Arendt" von entscheidenden Jahren im Leben der Philosophin. Entstanden ist das lebendige Porträt einer Intellektuellen, die trotz aller Widerstände ihren eigenen Grundsätzen treu bleibt. Barbara Sukowa überzeugt in der Titelrolle.
Berlin (dpa) l Intellektuelle Redlichkeit trotz aller Widerstände, Treue zur eigenen Meinung und Zivilcourage sind vielbeschworene Tugenden, die für die deutsch-jüdische Philosophin Hannah Arendt (1906-1975) zur Richtschnur ihres Handelns wurden. Als die Wissenschaftlerin, die seit 1941 im amerikanischen Exil lebte, 1961 nach Jerusalem reiste, um vom Eichmann-Prozess zu berichten, sah sie sich in der Folge heftigen Anfeindungen ausgesetzt.
Arendt beschrieb den Naziverbrecher und Organisator der Deportationen in die Vernichtungslager in ihren Artikeln für den "New Yorker" nicht als Monstrum oder Inkarnation des Bösen, sondern als geistlosen Durchschnittsmenschen, "Hanswurst" und tumben Befehlsempfänger. Trotz aller Kritik gerade auch von ihren jüdischen Freunden blieb Arendt ihrem Standpunkt treu und legte drei Jahre später ihre bis heute aktuell gebliebene Studie "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen" vor.
In ihrem konzentrierten, hochkarätig besetzten Drama "Hannah Arendt" beleuchtet die deutsche Regisseurin Margarethe von Trotta ("Rosenstraße") nun die vier entscheidenden Jahre, in denen die nur in Fachkreisen bekannte Philosophin zu einer öffentlichen Figur wurde. "Wir wollten von Hannah Arendt erzählen, ohne sie oder ihr Leben und Werk zu reduzieren, aber auch ohne das übliche Biopic-Genre zu bedienen", sagt die Regisseurin laut Presseheft.
Dies ist ihr gelungen. In Zusammenarbeit mit ihrer Drehbuchautorin Pamela Katz entwickelt von Trotta ein dramaturgisch geschickt aufgebautes Kammerspiel, das den Zuschauer zum Nachdenken über Fragen von Macht und Moral anregt. Ihr Film ist ein Lehrstück, das nie belehrend wirkt.
Hauptdarstellerin Barbara Sukowa, die seit vielen Jahren für Margarethe von Trotta in Filmen wie "Die bleierne Zeit" und "Rosa Luxemburg" vor der Kamera steht, spielt die vielbewunderte historische Figur glaubwürdig und ohne falsche Ehrfurcht. Wir tauchen ein ins Privatleben der kettenrauchenden, humorvollen Denkerin, verfolgen die Diskussionen mit ihrem Ehemann Heinrich Blücher (Axel Milberg) und der stets loyalen Freundin Lotte Köhler (Julia Jentsch).
Bei ihrem langjährigen Kollegen und Freund Hans Jonas (Ulrich Noethen) stößt schon der Plan, vom Eichmann-Prozess zu berichten, auf Unverständnis. Auch ihr väterlicher Freund Kurt Blumenfeld (Michael Degen), der in Israel lebt, wendet sich von Arendt ab und mag ihr selbst auf dem Totenbett nicht verzeihen. In Rückblenden wird außerdem die Liebesgeschichte zwischen der jungen Studentin Hannah Arendt und dem Philosophen Martin Heidegger (Klaus Pohl) erzählt, der sich nach 1933 mit den Nazis arrangierte.
Eine ebenso engagierte wie kluge Rede vor Studenten bildet den Abschluss des Films. Noch einmal fasst die furchtlose Philosophin, die sich durch Tausende Seiten von Prozessakten durchgearbeitet hat, ihre Erkenntnisse über die furchtbare Banalität des Bösen zusammen. Die Studenten, die in Scharen in ihre Vorlesungen strömen, spüren genau: Hier spricht eine Frau, die gelernt hat, selbst zu denken und sich vor keiner Autorität dieser Welt fürchtet. Ein beeindruckendes Finale.
Der Film "Hannah Arendt" startet am 10. Januar in den deutschen Kinos.