Magdeburger Moritzhof zeigt sensibel erzählten Film Ein Sommersandtraum zwischen Fiktion und Realität
Dieser Film hat viele Attribute – skurril, charmant, eigenwillig, gefühlvoll, witzig. Nur eines ist er ganz sicher nicht – massenkompatibel. "Ein Sommersandtraum" ist kein Blockbuster, kein Popcorn-Kino, kein Special-Effekt-Feuerwerk. Statt dessen ist er aber ausgesprochen nett anzusehen und wohltuend sensibel erzählt. Am 11. August startet er in ausgewählten Studiokinos, darunter auch im Magdeburger Moritzhof.
Von F.-René Braune
Magdeburg. Benno ist ein rechter Lebemann – er liebt die Musik und scheint auch etwas davon zu verstehen, er mag schöne Frauen und ist der Arroganz nicht gerade abgeneigt. In einem kleinen Briefmarken-Laden ist er auch immer wieder gern bereit, ratsuchende Kunden übers Ohr zu hauen.
Benno scheint sein Leben und das mancher seiner Zeitgenossen gut im Griff zu haben. Allerdings gibt es da eine Ausnahme, die ihm zu schaffen macht: Sandra, die unter seiner Wohnung ein kleines Café und allabendlich lautstarke Gesangsübungen betreibt.
An die Ruhestörungen, gegenseitigen Beschimpfungen und kleinen Feindseligkeiten hat sich Benno gewöhnt, doch dann passiert etwas, das ihn mehr und mehr aus der Fassung bringt: Er verliert Sand. Und dies nicht etwa in übertragenem, sondern wortwörtlichem Sinn. Wenn er morgens aufwacht, findet sich ein Häufchen dieses unverfestigten Sedimentgesteins zunächst neben, später in zunehmendem Maße in seinem Bett und schließlich wo er geht und steht. Weder Arzt noch Psychologen können helfen. Schließlich kann der Mann nicht mehr umhin, jede textile Öffnung zu verkleben – das verräterische Rieseln aber kann er nicht unterbinden.
Wie Drehbuchautor und Regisseur Peter Luisi die Sandstreuerei ohne die Mitarbeit eines Computers in Szene gesetzt hat, ist gleichermaßen detailverliebt wie sehenswert. Mit einfachsten Mitteln schwillt plötzlich ein Hosenbein an, weil das Klebeband am Knöchel dem Sand das Rieseln verweigert.
Zunächst kann Benno seiner neuen Eigenschaft noch etwas Positives abgewinnen – der von ihm verstreute Sand lässt jeden, der daran riecht, sofort einschlafen. Doch das ändert nichts daran, dass der Mann im wahrsten Sinn des Wortes weniger wird.
Der Verzweiflung Stück für Stück näherrückend, vertraut er sich Sandra an. Gemeinsam finden sie heraus, dass der Sand immer dann rieselt, wenn Benno lügt, und beide kommen sich auf ungeahnte Weise näher.
Natürlich kommt dem Zuschauer spätestens bei dieser Erkenntnis das Pinocchio-Problem mit der Nase in den Sinn – dennoch ist der "Sommersandtraum" alles andere als eine alte Geschichte in neuem Gewand. Peter Lusi erzählt nicht nur etwas wirklich Neues, er versteht es auch wunderbar, die Handlung zwischen Fiktion und Realität anzusiedeln. Wer an Bennos Sand riecht, beginnt zu träumen. Und diese Träume stehen in einem rätselhaften Zusammenhang zur Wirklichkeit – beides beeinflusst sich.
Mit Fabian Krüger als Benno und Frölein Da Capo als Sandra agieren zwei Protagonisten, die es verstehen, dem Zuschauer auf ebenso überzeugende wie unaufdringliche Weise große Fragen des Lebens nahezubringen. Es geht um das eigene Ego, natürlich um Ehrlichkeit gegenüber seinen Mitmenschen, um die Fähigkeit, im Interesse anderer zu verzichten, um Toleranz und Akzeptanz.
"Der Sommersandtraum" hebt keinen Zeigefinger, er zwingt auch keine moralischen Wertvorstellungen auf. Vielmehr führt er den Zuschauer auf unterhaltsam-sehenswerte Weise zu eigenen Interpretationen und Schlussfolgerungen.