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Premiere für wunderbar spielerische "Frankenstein"-Inszenierung im Theater Magdeburg Ein Spuk, der im besten Sinne unterhält

Von Gisela Begrich 29.11.2011, 04:31

Das Theater Magdeburg präsentierte eine Bühnenfassung des Buches "Frankenstein" von Mary Shelley im Studio des Schauspielhauses unter dem Namen: "Frankenstein" oder "Papa, bitte liebe mich, auch wenn ich hässlich bin und morde!"

Magdeburg l Frankenstein heißt die Titelfigur des Romans, der 1818 erschien, und steht exemplarisch für das Unheimliche und das Grauen, welches aus dem Ruder läuft. Die Regisseurin Nina Gühlstorff, der Dramaturg Dag Kremser und das Ensemble der Aufführung erschufen aus der fast 200 Jahre alten Prosa der Shelley einen Theatertext, der pointiert ist, philosophisch komplex und dennoch im besten Sinne unterhaltsam.

Die Regisseurin setzt die Geschichte in klaren Strukturen und vor allem wunderbar spielerisch in Szene. Marousha Levy baute eine Bühne, die so chaotisch daherkommt wie die Gedanken des Victor Frankenstein, und zugleich für alle wechselnden Orte bestens funktioniert. Es wird nicht gespart an Toneinblendungen und Lichteffekten, um Schauder und Schrecken zu simulieren und diese dann in feiner Ironie wieder aufzulösen, so dass alles Gruseln eher zum ästhetischen Genuss gerät denn zu einer Bedrückung.

Heide Kalisch darf als Polarforscherin, als Elisabeth und als Mary Shelley jeweils Kostüme (Marousha Levy) tragen, die ausgesprochen stilvoll sind, und ihr strahlend weißes Hochzeitskleid verströmt geradewegs eine naive Unberührtheit, und das ist zu diesem Zeitpunkt der Fabel fast eine Provokation. Die Schauspielerin eröffnet den Abend aus der Mitte der Zuschauer heraus und führt die Besucher in unterschiedliche Ängste, die uns im alltäglichen Leben bedrängen, wenn es nachts gewittert oder seltsame Geräusche in der Stille verunsichern.

Alle Figuren werden mit Souveränität gemeistert

Das geschieht mit unaufgesetzter Lockerheit und verortet bereits hier die Story über das 18. Jahrhundert hinaus im Gegenwärtigen ohne jemals modisch oder simpel daherzukommen. Die Kalisch meistert alle Figuren mit einer Souveränität, die einen menschlichen Glanz in dem bizarren Geschehen behauptet. Und dennoch mischt sie in ihre Darstellung einen kleinen Hauch dessen, was die Story und alle anderen Mitstreiter dominiert: Jeder könnte auch nicht ganz der oder die sein, die sie vorgeben, sein zu wollen. Alle können abkippen in die Gebrechen der anderen.

Aber das verursacht einzig und allein Victor Frankenstein (Jonas Hien), der in einer völlig abgedrehten Gedankenwelt zu Hause ist und dem es gelingt, ein Lebewesen aus den sonderbarsten Zutaten zu schaffen.

Hien zeigt die geistige Zerrüttung und schöpferische Borniertheit Frankensteins mit differenzierten Mitteln und voll unendlicher Behutsamkeit. Er bricht an keiner Stelle aus dem abstrusen Denkkosmos des verbohrten Forschers aus, sondern bewältigt alle Brüche in der Abgeschlossenheit dieses Intellektuellen. Diese dosierte Strenge fasziniert. Besonders brilliert er, wenn er in Dialogen zur jeweils falschen Schlussfolgerung aus seiner eben geäußerten Meinung gelangt. Da führt die hohe Kunst des Boulevards das Zepter.

Exzellenter Gebrauch der Ausdrucksmöglichkeiten

Bastian Reiber spielt den Robert Walton treffend, aber seine Darstellung des Monsters, die ist ein schauspielerisches Ereignis. Man bestaunt einen exzellenten Gebrauch körperlicher Ausdrucksmöglichkeiten bei Reiber und später einen bemerkenswerten Umgang mit Sprachlichkeit. Reiber betont eher die verkannte Menschlichkeit dieses im Wortsinn Unmenschen, als dass er den Schrecken darstellt, der von diesem Wesen ausgeht, und fixiert die große Ausweglosigkeit einer Kreatur.

Die Qualität der Regie von Nina Gühlstorff widerspiegelt sich auch in dem, was der Kinderdarsteller Viktor Grottke als William leistet: schlicht großartig.

Wer an diesem Abend gute Unterhaltung erleben will, erfährt ebenso gute Bedienung wie jene, die daraus Anstöße nehmen wollen, philosophische Themen zu diskutieren. Da prangt von nun an ein Kleinod im Spielplan.

Nächste Vorstellung am 2. Dezember ab 19.30 Uhr