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Eine Kulisse in den Filmstudios Babelsberg steht bei Regisseuren hoch im Kurs Eine Straße wird zum Weltstar des Films

14.08.2012, 03:30

Ob Sonnenallee, Pariser Chic, verruchtes San Francisco oder Warschauer Ghetto - die Berliner Straße im Filmstudio Babelsberg kann alles. Für Leander Haußmanns DDR-Filmerfolg geschaffen, feierte sie mit Roman Polanski und Quentin Tarantino weltweit Erfolge.

Potsdam (dpa) l Sie ist wie ein Chamäleon: Ob DDR-Mief wie im Film "Sonnenallee", Pariser Chic, verruchtes San Francisco oder Warschauer Ghetto - für die Berliner Straße im Filmstudio Babelsberg ist Verwandlung ein Job. 12 bis 14 Meter hoch, das Antlitz des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts - dahinter Stahlgerüst und wuchernde Brennnessel. Seit ihrer Erschaffung 1998 für Leander Haußmanns Kultfilm "Sonnenallee" hat sich die Kulisse zum Weltstar entwickelt.

Roman Polanski diente sie als Warschauer Ghetto im oscarprämierten "Der Pianist". In Quentin Tarantinos Kriegsfilm "Inglourious Basterds" zeigte sie Paris. Für einen amerikanischen Boxerfilm mimte sie San Francisco, für das polnische Kriegsdrama "In Darkness" das besetzte Lwów (Lemberg). Volker Schlöndorff drehte hier für sein RAF-Drama "Die Stille nach dem Schuss" und auch für "Otto - der Katastrophenfilm" diente sie als Kulisse. Zuletzt zeigte sie sich dem Fernsehzuschauer in "Berlin 36", einem Drama um die jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann.

"Möglich macht dies die enorme Wandlungsfähigkeit der Straße", erklärt Kulissenbauer Dierk Grahlow. Vor rund 15 Jahren hat er die Stahlkonstruktion in Babelsberg mitaufgebaut. Seitdem haben er und seine Kollegen der Fassade immer wieder ein anderes Gesicht gegeben. "Die Holzplatten sind angeklemmt. Je nachdem, was gewünscht ist, wird umgebaut", erklärt er. Ob Jahrgang 1900 oder 2000, ob komplett neue Fassade oder nur andere Fenster - alles sei möglich. "Diese Flexibilität gibt es nicht oft."

Kulisse feierte ihr Debüt mit "Sonnenallee"

Entstanden ist die 7000 Quadratmeter große Dauerkulisse auch aus einer Not heraus: Als Regisseur Leander Haußmann 1998 für seinen Streifen "Sonnenallee" einen Berliner Straßenzug im Prenzlauer Berg der 1970er suchte, wurde er nicht fündig. "Alle Versuche, die DDR darzustellen sind schiefgegangen. Zehn Jahre nach der Wende war nichts mehr da", berichtet Haußmann.

Ein glücklicher Zufall wollte es, dass parallel im Filmstudio die Idee existierte, ein kontinuierliches Set zu bauen. Der Standort wollte sich in den wirtschaftlich schwierigen Jahren nach der Wende profilieren. In "Sonnenallee" feierte die Kulisse ihr Debüt mit dem, was die DDR in der Erinnerung an Kindheit und Jugend ausmacht: "Kiosk und der für DDR-Spielplätze typische Fliegenpilz - alles war da", berichtet Haußmann. "Es war ein Gefühl von zu Hause", erinnert sich der Regisseur an die Dreharbeiten in der Berliner Straße.

Das Filmstudio knüpfte mit dem wandelbaren Dauermotiv an seine Tradition an: Große Außenkulissen haben in der 100-jährigen Unternehmensgeschichte Tradition. So gab es einen Zirkus, der fast zehn Jahre lang als Kulisse diente, berichtet Studio-Sprecher Eike Wolf. Oder einen indischen Tempelhof mit Schwimmbad und eine orientalische Straße in den Anfängen des Studios sowie Berliner Straßenzüge, Plätze und Hinterhofkulissen für große UFA-Produktionen in den 1920ern und 1930ern.

Für Studio und Filmemacher ist die Wandlungsfähigkeit auch aus finanzieller Sicht attraktiv: Außendrehs sind meist kostspielig. Außerdem fallen Behördengänge für die Genehmigung von Dreharbeiten weg, Anwohner werden nicht behindert, man kann so lange drehen, wie man will, und Umbauten vornehmen.

Alles Argumente, die Erfolgsgeschichte der Berliner Straße fortzusetzen. Doch die Zukunft der Filmkulisse ist ungewiss - Ende 2013 läuft der Pachtvertrag für den Standort auf dem Gelände des benachbarten Filmparks aus. "Wir prüfen derzeit Optionen für einen Neubau der Berliner Straße", sagt Wolf. Eins ist gewiss: Ohne Veränderungen, die der heutigen Technik gerecht werden, macht ein Neubau keinen Sinn. "So müssen umfangreiche sogenannte Green-Screen- und Virtual-Backlot-Aufnahmen dann möglich sein", erklärt Wolf.